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Hebungsrisse: 
Presseerklärung 18.3.2010
"Hebungsbuckel" (März 2010)

Presseerklärung vom 18.3.2010
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.
Die Zahl der geschädigten städtischen Gebäude blieb mit 7 unverändert. Die geschädigten Privatgebäude sind leicht auf 252 gestiegen.
Die kleine Messrunde mit 48 Messpunkten hat am 8.März bestätigt, dass die Tendenz zur Reduzierung der Hebungsgeschwindigkeit weiter anhält. Am 22.März werden weitere Erkenntnisse mit den Ergebnissen der großen Messrunde (98 Messpunkte) erwartet.

zu 2.
Die Untersuchungen der beschädigten Gebäude werden weiterhin vom Büro für Baukonstruktion, Karlsruhe, vorgenommen, das die Standfestigkeit aller infrage kommenden Gebäude bestätigt hat. Bei einigen Häusern, in denen bei den letzten Begehungen keine weiteren Schäden festgestellt werden konnten, wird der Untersuchungsrhytmus auf ein Jahr erhöht. Die Eigentümer wurden jedoch darauf hingewiesen, jede Veränderung am Gebäude unverzüglich bei der Stadtverwaltung zu melden. Für Maßnahmen zur Stand- und Verkehrssicherheit tritt weiterhin die Stadt in finanzielle Vorleistung.

zu 3.
Alle sieben Sonden sind jetzt im Bereich bis 60 Meter Tiefe perforiert und mit Zementsuspension zur Abdichtung injiziert worden. Neben der Auffälligkeit bei Sonde 7 (Aufnahme von ca. 7.000 Litern Zementsuspension), ist auch bei Sonde 4 die Füllmenge von 850 Litern Zementsuspension auffällig, da dies entschieden mehr als bei den anderen Bohrsonden ist. Vermutlich bestand hier eine horizontale Schichtfuge, die durch die 850 Liter geschlossen werden konnte.
Derzeit werden die Temperaturmessungen in den Sonden 1, 6 und 7 über sehr dünne, stationäre Glasfaserkabel durchgeführt.

zu 4.
Nach Auskunft der badenova wurden Anfang März wieder Messungen durchgeführt. Dabei wurden bei Leitungen im oberflächennahen Bereich maximale Abweichungen von 6 mm festgestellt, was keinen Handlungsbedarf erfordert.
Bei den von einem ortsansässigen Installationsunternehmen überprüften Gas-Hausinneninstallationen wurden 2 Haushalte festgestellt, die geringe Verlustmengen aufwiesen. Die Dichtigkeit muss hier innerhalb von 3 Wochen wieder hergestellt sein.

zu 5.
Am 16. März fand ein Termin im Regierungspräsidium Freiburg statt, bei dem Ministerialdirigent Greißing vom Wirtschaftsministerium, Vertreter des Umweltministeriums, Regierungsvizepräsident Ficht sowie weitere Vertreter des Regierungspräsidiums und der 1. Landesbeamte Unseld, Vertreter der Stadt zu einem Gespräch empfingen.
Dabei hat der Rückblick auf die Veranstaltung des Regierungspräsidiums am 22.2.10 im Faust-Gymnasium nochmals bestätigt, dass die angewandten technischen Maßnahmen richtig gewählt worden waren.
Weitere Themen waren die Einrichtung einer Schlichtungsstelle durch die Stadt Staufen und die Erörterung der Möglichkeiten zur Regulierung der Schadensfälle.
In Zusammenhang mit der Erweiterung der Klage eines geschädigten Staufener Bürgers gegen die Stadt Staufen auf das Land Baden-Württemberg muss außerdem geprüft werden, wie die Stadt rechtlich reagiert. Der Gemeinderat wird deshalb in seiner Sitzung am 31.3.10 darüber beraten, ob neben der Klage gegen das Planungsbüro und die Bohrfirma eine Klage gegen das Land (als Genehmigungsbehörde) erhoben werden soll. Außerdem wurde der Verzicht auf die Einrede der Verjährung von der Stadt angemahnt.

zu 6.
Das Stuttgarter Landeskabinett wird vom 28.- 30.3. eine Klausurtagung in St.Blasien abhalten. Bürgermeister Benitz wird versuchen, anlässlich dieser Gelegenheit einen Besuch des Ministerpräsidenten Stefan Mappus in Staufen zu organisieren, um ihm das Ausmaß der Schäden und die Problemlage persönlich zu erläutern.
Derzeit hat die Stadt Aufwendungen im Zusammenhang mit den Rissen in Höhe von 3,8 Mio. Euro zu tragen. Dem steht der Landeszuschuss für die Erkundungsbohrung und die Sondensanierung in Höhe von 1,9 Mio. Euro gegenüber. Allein die Sondensanierung wird rund 900.000 Euro mehr als ursprünglich grob geschätzt kosten, weil erheblich mehr Tagesschichten anfallen.
Die Stadt ist bisher mit 1,9 Mio. Euro im Kassenkredit und benötigt dringend weitere Hilfen, um die übrigen Aufgaben nicht zu gefährden.

Der nächste Pressetermin findet am Freitag, den 23.4.2010 um 10.00 Uhr
im Ratssaal des Rathauses Staufen statt.

Staufen, den 18. März 2010
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Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Hebungsbuckel.3/2010 (pdf)
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Zur Vorgeschichte:


2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch.

Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 120 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen.

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober 2008 vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.
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