facebook  Facebook

Hebungsrisse: 
Presseerklärung 25.2.2010
"Hebungsbuckel" März 2010

Presseerklärung vom 25.2.2010
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.
Die Zahl der geschädigten städtischen Gebäude blieb mit 7 unverändert.
Die geschädigten Privatgebäude sind auf 247 angestiegen.
Wie bereits in der vorherigen Presseerklärung angedeutet, hält die Reduzierung der Hebungsgeschwindigkeit an. Sie ist um etwa durchschnittlich 12 %, in der Spitze über 20% gesunken. Dies haben inzwischen sowohl die große Messrunde (98 Messpunkte) am 25.1.10, als auch die kleine Messrunde (48 Messpunkte) Mitte Februar ergeben.
Das Hebungsvolumen hat sich von 2,7cbm/Tag auf jetzt rund 2cbm/Tag reduziert.

zu 2.
Die unter Punkt 1 genannten Reduzierungen sind das Ergebnis der eingeleiteten Maßnahmen (Dauerabsenkbetrieb in der Erkundungsbohrung 2 und Perforieren/ Injizieren der Sondenschläuche).
Alle 7 Sondenschläuche sind jetzt im unteren Bereich bis zur Quellzone abgedichtet und werden nun in 3-Meter-Abständen bis zur Erdoberfläche überprüft und ggfs. nachverfüllt. Ziel ist es, sämtliche Sonden im gesamten Ringraum bis zur Oberfläche nachträglich abzudichten.
Besonders auffällig ist hierbei die große Aufnahmemenge in der EWS 7 von ca. 7.000 Litern Zementsuspension im Vergleich zu den anderen 6 Bohrungen. Das weist auf ein deutliches Fehlen der Ringraumverfüllung hin.

zu 3.
In Zusammenarbeit mit dem beauftragten ortsansässigen Installationsunternehmen hat badenova bei den geprüften Gas-Hausinneninstallationen keine wesentlichen Mängel festgestellt.
badenova hat zur Kontrolle der Leitungen ein eigenes Messkontrollsystem installiert. Die Messungen finden alle 2 Monate statt, die letzte erfolgte Anfang Januar 2010. Dabei wurden nicht nur im oberflächennahen Bereich Bewegungen der Leitungen kontrolliert, sondern auch die eingebauten Dehnungsbögen untersucht. Hierbei kam es zu keinen nennenswerten Beanstandungen. In der Spitalstraße wird jetzt die Gasleitung näher untersucht.

zu 4.
Der Gemeinderat der Stadt Staufen beriet in seiner Sitzung am 24.2.2010 den konkreten Vorschlag zur Einrichtung einer Schlichtungsstelle und verabschiedete die Schlichtungsordnung im vorgelegten Entwurf der Kanzlei Orrick, Hölters & Elsing.
Hierin sollen die Anregungen der Interessengemeinschaft der Rissgeschädigten,
(IGR GbR), miteingearbeitet werden.
Das Schlichtungsverfahren soll in 2 Verfahrensschritte aufgegliedert werden. Im ersten Schritt sollen Sofortmaßnahmen zur Erhaltung der Sicherheit und Bewohnbarkeit der Häuser bearbeitet werden.

zu 5.
Auf Einladung des Regierungspräsidiums Freiburg fand am 22.02.2010 in Staufen eine Informationsveranstaltung statt. Der Sachstandsbericht zur EKB und zu den technischen Abwehrmaßnahmen durch das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau wurde den Geschädigten und der Fachöffentlichkeit vorgestellt. Im Anschluss an die Präsentation gab es Gelegenheit, Fragen und Anregungen zur Thematik in Staufen vorzubringen. Es wurde keine Kritik zum Vorgehen bei der Erkundung und Sanierung geäußert.
Um auch der interessierten Bevölkerung Gelegenheit zu geben, sich zum aktuellen Stand der Hebungsrisse zu informieren, wird am 11.03.2010 um 19.00 Uhr bei der Bürgerversammlung im Martinsheim Staufen darüber berichtet.

zu 6.
Ein durch die Hebungsrisse geschädigter Bürger hat jetzt die Feststellungsklage gegen die Stadt auch auf das Land Baden-Württemberg erweitert.
Die sich daraus ergebenden Konsequenzen werden geprüft.

zu 7.
Mit Urkunde vom 22.02.2010 wurde unsere Stiftung zur Erhaltung der Historischen Altstadt vom Regierungspräsidium Freiburg als rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts anerkannt.
Der Gemeinderat hat den 7-köpfigen Vorstand wie folgt besetzt:

1. Clemens Oberle, Geschäftsführer der IGR GbR
2. Wolfgang Schuhmann, Initiative „Wir halten Staufen zusammen“
3. Helmut Zimmermann, Stadtrat u. erster Bürgermeister-Stellvertreter, Freie Wähler
4. Andreas Müller, Stadtrat und zweiter Bürgermeister-Stellvertreter, CDU
5. Volker Siehr, Stadtrat, SPD
6. Adolf Ruppert, ehemaliger, langjähriger Stadtrat, ULS
7. Michael Benitz, Bürgermeister und Vorsitzender des Vorstands

Das Kuratorium wird noch zusammengestellt.

Der nächste Pressetermin findet am Donnerstag, den 18.3.2010 um 15.00 Uhr
im Ratssaal des Rathauses Staufen statt.

Staufen, den 25. Februar 2010

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Hebungsbuckel.3/2010 (pdf)

Zur Vorgeschichte:


2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch.

Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 120 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen.

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet.

Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.
 Druckversion