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Presseerklärung zu den Hebungsrissen
und "Hebungsbuckel" (3/2010)

Presseerklärung vom 23.4.2010
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.
Die Zahl der geschädigten städtischen Gebäude blieb mit 7 unverändert.
Die geschädigten Privatgebäude sind leicht auf 256 gestiegen. Obwohl in einem Haus in unmittelbarer Rathausnähe der Deckenputz abfiel, ist die Standhaftigkeit aller geschädigten Gebäude gewährleistet. Die Untersuchungen der beschädigten Gebäude werden weiterhin vom Büro für Baukonstruktion, Karlsruhe, vorgenommen.
Die Ergebnisse der großen Messrunde (98 Messpunkte) vom 22.3.10 zeigen, dass sich sowohl die Größe des Hebungsgebietes verringert als auch die Höhe der Hebungen verringert hat. Hebungen, die bisher um 40 bis 123 mm gestiegen sind, sind im Mittel in der Hebungsgeschwindigkeit um 13 % gesunken (15.9.09 bis heute).

zu 2.
Alle sieben Sonden sind jetzt im Bereich bis 40 Meter Tiefe perforiert und mit Zementsuspension abgedichtet worden. Neben der Auffälligkeit bei Sonde 7 (Aufnahme von ca. 8.000 Litern), sind auch bei Sonde 3 und bei Sonde 4 die Füllmengen von über 1.100 Litern Zementsuspension auffällig.
Derzeit sind die Sondenschläuche noch mit Wasser gefüllt. Sie werden anschließend trocken geblasen, um zu überprüfen, ob die Maßnahmen erfolgreich waren oder ob nach wie vor Wasser eintritt und zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden müssen.
Der Pumbetrieb in der Erkundungsbohrung soll vorerst weitergeführt werden, um den quellfähigen Bereich im Untergrund von Wassereintritt freizuhalten. Sobald weitere Untersuchungsergebnisse zum „Restwasserdargebot“ in den Sonden 1 bis 7  vorliegen, kann die Einrichtung eines 2.Brunnens zum Absenken des Grundwasserspiegels angegangen werden, der zur Absicherung des 1.Brunnens als notwendig angesehen wird.

zu 3.
Bei den von einem ortsansässigen Installationsunternehmen in Zusammenarbeit mit der badenova überprüften Gas-Hausinneninstallationen wurden an 2 Hausanschlüssen in der Hauptstraße Leckagen (Lecks) festgestellt. Wenn diese nicht behoben werden, kann die Gaslieferung von der badenova nicht aufrechterhalten bleiben.

zu 4.
Die Kosten für die Sondensanierung und die Erkundungsbohrung haben den Bewilligungsbetrag des Landes von 1,92 Mio. Euro inzwischen deutlich überschritten.
Der für den laufenden Betrieb der Stadtverwaltung notwendig gewordene Kassenkredit, auch bedingt durch die Vorleistungen der Stadt für Sicherungsmaßnahmen an den geschädigten Häusern und die Sondensanierung, beläuft sich mittlerweile auf 2,8 Mio. Euro. Deswegen wurde die am 16.3. an Herrn Ministerialdirigenten  Karl Greißing übergebene Anforderung einer weiteren Abschlagszahlung von 1,1 Mio. Euro aktualisiert und erneut dem Wirtschaftsministerium zugeleitet.
Die Einrichtung einer Schlichtungsstelle durch die Stadt Staufen steht kurz vor der Vollendung. Dazu ist es aber notwendig, dass sie auf genügend finanzielle Mittel zur Regulierung der Schadensfälle zurückgreifen kann.

zu 5.
Anstelle des eingeladenen Ministerpräsidenten Stefan Mappus hat Herr Staatsminister Helmut Rau seinen Besuch in Staufen angekündigt. Außerdem werden Herr Regierungspräsident Julian Würtenberger und Herr Regierungsvizepräsident Klemens Ficht nach Staufen kommen, um die aktuellen Schäden persönlich in Augenschein zu nehmen und über die derzeitige Situation zu beraten.
Der Gemeinderat der Stadt Staufen hat in seiner Sitzung am 31.3.10 beschlossen, Klagen gegen das Planungsbüro und die Bohrfirma zu erheben und eine Klage gegen das Land vorläufig zurückzustellen. Gefordert wird ein Verjährungseinredeverzicht auch des Landes gegenüber allen Geschädigten.

zu 6.
Der Schlichtungsordnungsentwurf wurde inzwischen auch auf Wunsch der IGR, GbR überarbeitet und befindet sich in der Endabstimmung. Die Schlichtungsstelle soll schnellst möglich eingerichtet werden. In einem zweistufigen Verfahren sollen die Geschädigten außerhalb der Gerichte ihre Schäden reguliert bekommen. Der jetzt vorgesehene 1.Schritt ist im Wesentlichen zunächst auf alle Maßnahmen, die zur Erhaltung der Sicherheit der Häuser notwendig sind, bis zum Abschluss der Hebungen beschränkt.
Ein weiterer Geschädigter hat inzwischen eine Klage beim Landgericht Freiburg eingereicht.

zu 7.
Die Initiative „Wir halten Staufen zusammen“ hat inzwischen die 2.Montagskundgebung auf dem Marktplatz durchgeführt. Nach der Landtagsabgeordneten Bärbel Mielich im März hat am vergangenen Montag der Landtagsabgeordnete Christoph Bayer zu den Bürgern gesprochen. Am 17.Mai wird Landtagsabgeordneter Gundolf Fleischer in Staufen sprechen.
In der galerie k (Haus der Modernen Kunst) in Grunern gibt es zur Zeit eine Ausstellung der vier Staufener Schulen zugunsten der Initiative und im Rathaus ist im 2.Obergeschoss eine Ausstellung von Schülerinnen und Schülern des Faust-Gymnasiums mit Logoentwürfen für die Initiative zu sehen.

Der nächste Pressetermin findet am Freitag, den 14.5.2010 um 10.00 Uhr
im Ratssaal des Rathauses Staufen statt.

Staufen, den 23. April 2010


Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Hebungsbuckel.3/2010 (pdf)

Zur Vorgeschichte:


2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch.

Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 120 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen.

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet.

Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.
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