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Risse in der Altstadt

Presse-Erklärung 21.01.2010

Presseerklärung vom 21.01.2010
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.
Die Zahl der geschädigten städtischen Gebäude blieb mit 7 unverändert.
Die geschädigten Privatgebäude sind auf 242 angestiegen.
Die neu hinzugekommenen Gebäude weisen größtenteils kleinere Risse und Schäden auf.
Wie bereits in der Presseerklärung vom 17.12.2009 erwähnt, deuten erste Anzeichen auf eine leichte Verbesserung bzw. Abflachung des Hebungsbuckels hin. Dies hat auch die zweite kleinere Messrunde rund um das Sondenfeld ergeben.
Am kommenden Montag, 25.01.2010 wird die nächste große Messrunde weitere Ergebnisse bringen.

zu 2.
Die ergriffenen beiden Maßnahmen (Dauerabsenkbetrieb in der Erkundungsbohrung 2 und Perforieren/Injizieren der Sondenschläuche) scheinen erste Erfolge zu zeigen.

Noch vor Weihnachten des vergangenen Jahres wurden alle 7 Erdwärmesonden im unteren Bereich erfolgreich perforiert, somit konnte der Ringraum mit der eigens hierfür hergestellten Zementsuspension nachträglich abgedichtet werden.

Nach Abbinden der Suspension konnte der Abwehrbrunnen, welcher während der Abdichtungsphase abgestellt wurde, Ende Dezember erneut in Betrieb genommen werden. Mit geringen Entnahmeraten wird derzeit eine Absenkung bis unter den quellfähigen Bereich erzielt.
Seit vergangener Woche werden die Perforierungs- und Injizierungsarbeiten fortgesetzt. Ziel ist es, sämtliche Sonden im gesamten Ringraum bis zur Oberfläche nachträglich abzudichten.

zu 3.
Seit 11.01.2010 hat die Prüfung der Gashausinneninstallationen bei den geschädigten Hauseigentümern, im Auftrag und auf Kosten der Stadt Staufen, begonnen. Bisher konnten keine Undichtigkeiten der Anlagen festgestellt werden. Die Prüfung wird von einer ortsansässigen Installationsfirma in Zusammenarbeit mit badenova durchgeführt.
Die Hauseigentümer müssen bei diesen Maßnahmen mitwirken.

badenova informiert weiter, dass im Zusammenhang mit der Frostperiode der vergangenen Tage keine zusätzlichen Schäden an Leitungen zu verzeichnen waren.
Die Zusammenarbeit mit badenova funktioniert reibungslos. Anfang Februar erfolgt noch eine Abstimmung mit der Freiwilligen Feuerwehr Staufen.

zu 4.
Die Stadt Staufen hat bisher im Zusammenhang mit den Hebungsrissen Rechnungen in Höhe von ca. 2, 3 Millionen € bezahlt. Vergebene Aufträge, die kurzfristig zur Abrechnung anstehen, kommen in einer Größenordnung von ca. 1,4 Millionen € hinzu. Vor Jahresende wurden, wie bereits in der vergangenen Pressemitteilung erklärt, rd. 1,9 Millionen € vom Wirtschaftsministerium beglichen. Somit hat die Stadt derzeit ein Defizit von rund 1,8 Millionen € dessen Ausgleich, gerade im Hinblick auf die äußerst schwierige Haushaltslage, nicht von der Stadt getragen werden kann. Im DHH 2010/2011 des Landes Baden-Württemberg sind Mittel in Höhe von 4 Millionen € für Staufen vorgesehen. Hierbei stehen voraussichtlich 2 Millionen € aus KIF und 2 Millionen € aus Landesmitteln zur Verfügung.

zu 5.
Am 13.01.2010 fand ein erstes Gespräch zwischen der IGR GbR und der Stadt Staufen mit Vertretern der Kanzlei Orrick, Hölters & Elsing in Staufen statt. Hierbei ging es neben der Erarbeitung der Eckpunkte für eine Schlichtungsstelle auch um die noch ausstehende Einredeverzichtserklärung des Landes Baden-Württemberg an die Stadt Staufen und die übrigen Geschädigten.
Die Stadt Staufen hatte bereits im Dezember 2009 allen geschädigten Eigentümern wie auch Pächtern/Mietern die Schäden gemeldet hatten, den Verzicht auf die Einrede der Verjährung übersandt.

Die Schlichtungsstelle sollte in einem 2-stufigen Verfahren (1.Schadensnotfall-maßnahmen/statische Sicherungen und 2. Endgültige Sanierungen) aufgegliedert werden. Der Gemeinderat soll in seiner Februar-Sitzung über den konkreten Vorschlag, der dem Land unterbreitet werden soll, beraten.

Wer wann die finanziellen Mittel bereitstellt, auf welche die Schlichtungsstelle zugreifen könnte, muss noch geklärt werden, ebenso die Besetzung der Schlichtungsstelle.
Dies soll einvernehmlich mit den Beteiligten erfolgen.

zu 6.
Am 22.02.2010 wird der Sachstandsbericht zur EKB und zu den technischen Abwehrmaßnahmen durch das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau im Rahmen eines Kolloquiums in Staufen offiziell der Fachöffentlichkeit vorgestellt und Vertretern des Wirtschaftsministeriums übergeben. Im Anschluss an die Präsentation soll der Fachöffentlichkeit Gelegenheit gegeben werden, Fragen und Anregungen zur Thematik in Staufen zu stellen.

Die Einladung erfolgt über das Regierungspräsidium Freiburg, welches auch Ausrichter der Veranstaltung ist. Sie wird in der Aula des Faust-Gymnasiums Staufen stattfinden. Zur Veranstaltung werden auch die Geschädigten eingeladen.

Um der interessierten Bevölkerung Gelegenheit zu geben, sich zum aktuellen Stand der Hebungsrisse zu informieren, laden wir bereits heute die Bevölkerung Staufens zur Bürgerversammlung am 11.03.2010 ins Martinsheim in Staufen ein.

zu 7.
Für die Stiftung wurden bei der Sparkasse Staufen-Breisach, BLZ 680 523 28; Konto Nr. 119 3333 und bei der Volksbank Staufen, BLZ 680 923 00; Konto Nr. 2208 zwei Konten für Spenden oder Zustiftungen eingerichtet. Die Genehmigung für die Stiftung in Gründung ist durch das Regierungspräsidium in Kürze zu erwarten. Der Gemeinderat wird in seiner Sitzung am 27.01.2010 über die Besetzung des Vorstands und des Kuratoriums beraten.


Der nächste Pressetermin findet am Donnerstag, den 25.02.2010 um 15.00 Uhr im Ratssaal des Rathauses statt.

Staufen, den 21. Januar 2010


Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (jpg, 2 MB)



Zur Vorgeschichte:

 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch. 
Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 230 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.
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