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Risse in der Altstadt
Presseerklärung 12.11.09

Presseerklärung vom 12.11.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.
Am Montag, den 9.11.09 wurden unter Leitung des LRA die 14-tägigen Messungen im engeren Altstadtbereich durchgeführt und haben ergeben, dass die lineare Hebungstendenz in diesem Bereich weiterhin vorhanden ist. Die Zahl der geschädigten privaten Gebäude hat sich auf 227 erhöht, die Zahl der städtischen geschädigten Gebäude blieb mit 7 unverändert.

Am 23.11.09 wird die 2-monatliche Messung im größeren Stadtbereich durchgeführt und danach der neue Hebungsbuckel auf der Homepage der Stadt Staufen veröffentlicht.

Die Mitarbeiter des Stadtbauamtes, der Wassermeister, Archivar und Gemeindevollzugsdienst haben inzwischen das rückwärtige Rathausgebäude geräumt und sind in ein Ausweichquartier umgezogen (Hauptstr. 55 über Bäckerei Heitzmann, Eingang Adlergasse).

zu 2.
Die in der Grube Clara im Kinzigtal durchgeführten Versuche (Perforieren und Injizieren unter Realbedingungen) waren alle erfolgreich.

Inzwischen wurde der Bohrturm abgebaut und mit der Baustelleneinrichtung zur  Sanierung des Sondenfeldes konnte begonnen werden. Den Auftrag zur Sanierung der Sonden in Höhe von 1,4 Millionen Euro hat die Stadt an die Fa. Keller Grundbau GmbH aus Renchen vergeben.
Ferner wurde im Bereich der EKB 2 eine Pumpe eingebaut, die derzeit mit einer Rate von 1,28 Ltr./sec. das Wasser aus der Lettenkeuperschicht abpumpt und so den Zufluss zum quellfähigen Bereich über die Sonden beeinflussen soll. Voraussichtlich am 16.11. wird dann mit der Sanierung der Sondenschläuche begonnen.

zu 3.
Durch die Ingenieurgruppe Geotechnik wurde anhand der Untersuchungsergebnisse ein geomechanisches Modell erstellt, welches die Quelltätigkeiten im Untergrund darstellt und die Hebungsfigur nachmodelliert. Hierbei wurde festgestellt, dass der Bereich im Untergrund, welcher Anhydrit und somit quellfähiges Material enthält, in zwei voneinander getrennte Bereiche unterteilt werden kann.

Der näher an der Oberfläche liegende Bereich ist für den Hebungsprozess verantwortlich, hier finden unter Zutritt von Wasser die Umwandlungen von Anhydrit zu Gips und die Quellung von Tonmineralien statt. Die Volumenzunahme ist als Hebung der Erdoberfläche wahrzunehmen.
Der darunterliegende, abgeschlossene Bereich, der nach Auswertung der Untersuchungen ebenfalls Anhydrit enthält, zeigt bisher keine Veränderungen.

Die Abdichtung der Sonden und damit verbunden die Unterbrechung der Wasserwegigkeit ist daher schnellstmöglich umzusetzen, auch um diesen unteren Bereich vor dem Eindringen von Wasser zu schützen.

zu 4.
Die badenova weist nochmals daraufhin, dass die Hauseigentümer verpflichtet sind, die Hausinstallationen ab Hauptabsperrhahn innenseitig eigenverantwortlich zu überprüfen. Eine geprüfte Hausinneninstallation ist Voraussetzung, dass badenova die jeweiligen Eigentümer mit Gas beliefern darf.
Die Stadt Staufen wird deshalb in den nächsten Tagen in Zusammenarbeit mit badenova die Eigentümer im engeren Hebungsbereich anschreiben, die Schäden gemeldet haben und ihnen anbieten, die Hausinstallationen durch ein von der Stadt beauftragtes Fachunternehmen vornehmen zu lassen. Für die Kosten tritt die Stadt in Vorleistung.
Außerdem wird badenova die Hauseinführungen bis zum Haupthahn erneut überprüfen und diese Arbeiten vorab mit dem Fachunternehmen koordinieren.

Der nächste Pressetermin findet am Donnerstag, den 17.12.2009 um 15.00 Uhr im Stubenhaus in Staufen statt.

Staufen, den 12.November 2009

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (jpg, 2 MB)


Zur Vorgeschichte:

 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch. 
Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 170 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.
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