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Risse in der Altstadt
Presseerklärung 15.10.09

Presseerklärung vom 15.10.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.

Am Montag, den 12.10.09 wurden unter Leitung des LRA die 14-tägigen  Messungen im engeren Altstadtbereich durchgeführt und haben ergeben, dass die lineare Hebungstendenz in diesem Bereich weiterhin vorhanden ist. Die Zahl der geschädigten privaten Gebäude hat sich auf 221 erhöht, die Zahl der städtischen geschädigten Gebäude blieb mit 7 unverändert.

Das rückwärtige Rathausgebäude (Stadtbauamt/Archiv) wird derzeit weiter statisch abgesichert, die Trennung der ehemals zwei Gebäude wird statisch vollzogen. Ein Auszug der Mitarbeiter des Stadtbauamtes einschließlich Wassermeister und Archivar in ein Ausweichquartier wird noch vor Jahresende erfolgen.

zu 2.

Die Erkundungsbohrung (EKB) wurde auf 153 Meter vertieft. Bis Freitag dieser Woche laufen Pumpversuche, die weitere Erkenntnisse zur hydraulischen Beeinflussung des Sondenfeldes bringen sollen.

Spätestens Anfang kommender Woche soll geklärt sein, ob weitere Bohrmaßnahmen notwendig sind.

Da erst nach Abschluss der Bohrarbeiten an der EKB 2 und Abbau des Bohrturmes mit der Baustelleneinrichtung zur Sanierung des Sondenfeldes begonnen werden kann, ist der Zeitpunkt zur Einstellung des Bohrbetriebes in den nächsten Tagen zu definieren.

zu 3.

Die in der Grube Clara im Kinzigtal durchgeführten Versuche (Perforieren und Injizieren unter Realbedingungen) waren erfolgreich. Die Sonden können mit einem 11mm- Schneidkopf bis an ihr Ende befahren und demzufolge perforiert und injiziert werden.

Als letzte vorbereitende Maßnahme wird jetzt die Zusammensetzung der Zementsuspension getestet. Eine Labormischung zur Injektion wird derzeit zusammengestellt. Die Injektion wird dann mit Hilfe eines Schlauches eingebracht. Der Einsatz von sog. Packern ist aufgrund der geringen Innendurchmesser der Sonden nicht möglich.

zu 4.

Mit den in der letzten Presseerklärung angekündigten Arbeiten der badenova in der Rathausgasse/ Ecke Meiergasse ist die Sektionierung des Staufener Gasnetzes jetzt abgeschlossen. Die badenova wird die Hauseigentümer anschreiben und informieren, dass sie die Hausinstallationen regelmäßig überprüfen lassen müssen. Die Stadt Staufen wird in Zusammenarbeit mit dem Büro für Baukonstruktion Karlsruhe die Eigentümer der am stärksten geschädigten Gebäude dabei unterstützen.

zu 5.

Die Stadt Staufen hat beim Wirtschaftsministerium mittlerweile zwei Abschlagszahlungen angefordert und eine erste Zahlung in Höhe von 614.000,- Euro erhalten. Für die verschiedensten Maßnahmen, die im Zusammenhang mit den Hebungen notwendig wurden, ist die Stadt Staufen mittlerweile mit 1,22 Millionen Euro in Vorleistung getreten. Die Bezahlung von vergebenen Aufträgen in Höhe von ca. 330.000,- Euro steht noch aus.

zu 6.

Weitere Gespräche, u.a. mit Finanzstaatssekretär Gundolf Fleischer, haben stattgefunden. Dabei wurde nochmals die Einrichtung einer unabhängigen Schieds-Schlichtungsstelle gefordert. Nur über eine solch unabhängige Stelle mit juristischem und baufachlichem Sachverstand kann die weitere Sanierung der Gebäude koordiniert und abgewickelt werden. Diese Stelle muss dann auf entsprechende Mittel zugreifen können.

Weiterhin hat am 30.9. 2009 der Gemeinderat die Verwaltung mit der Errichtung einer Stiftung zur Erhaltung der Historischen Altstadt von Staufen, beauftragt. Mit einem kleinen Stiftungsstock soll begonnen werden. Bundesweite  Spenden-aktionen sollen Mittel organisieren, die zur Abdeckung von persönlichen Härten bei den Geschädigten verwendet werden können.

Der nächste Pressetermin findet am Donnerstag, den 12.11.2009 um 14.00 Uhr im Stubenhaus in Staufen statt.
 

Staufen, den 15.Oktober 2009

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (jpg, 2 MB)


Zur Vorgeschichte:

 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch. 
Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 170 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.

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