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Risse in der Altstadt
Presseerklärung 17.12.2009

Presseerklärung vom 17.12.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.
Die Zahl der geschädigten privaten Gebäude hat sich auf 230 erhöht, die Zahl der städtischen geschädigten Gebäude blieb mit 7 unverändert. Das Gebäude des Stadtbauamtes wird derzeit weiter statisch abgesichert. Erst wenn die Hebungen abgeklungen sind, wird über das weitere Vorgehen entschieden.
Auch die Messungen im größeren Stadtgebiet Ende November und die kürzlich durchgeführte Messung im direkten Sondenumfeld dokumentieren den weiteren Hebungsprozess. Erste Anzeichen deuten auf eine leichte Verbesserung hin.

zu 2.
Am Dienstag, dem 17.11.09 wurde mit der Sanierung des Sondenfeldes (Perforieren und Injizieren der Erdwärmesonden) erfolgreich begonnen. Derzeit werden alle 7 Sonden im unteren Bereich abgedichtet. Da wegen hydrogeologischer Folgen eine Verbindung zwischen der EKB 2 und der EWS 7 besteht, wird der Pumpbetrieb während der Injizierungsmaßnahmen eingestellt, damit die Zementsuspension nicht mit abgepumpt wird.
Bis zum 21.12. sollen alle Sonden im unteren Bereich abgedichtet sein, so dass dann der Pumpbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Bei der EWS 7 wurden mittlerweile ca. 1.000 Liter Zementsuspension in verschiedenen Höhen im Pilgerschrittverfahren eingebracht. Dies deutet auf Undichtigkeiten der Ringraumverfüllung hin.

zu 3.
Die Stadt hat in enger Zusammenarbeit mit der badenova die geschädigten Hauseigentümer die mit Gas versorgt werden angeschrieben und angeboten, die Gasinneninstallationen von einem ortsansässigen Heizungsinstallationsunternehmen regelmäßig überprüfen zu lassen. Der Auftrag an das Unternehmen wurde bereits erteilt. Die betroffenen Hauseigentümer wurden aufgefordert, deshalb der Stadt eine Einverständniserklärung zu erteilen. Der Überprüfungsrhythmus wird dem Schadensbild vor Ort angepasst.
In einer Verzichtserklärung hat die Stadt Staufen inzwischen gegenüber allen Geschädigten auf die Erhebung der Einrede der Verjährung verzichtet. Damit macht die Stadt deutlich, dass es ihr um eine einvernehmliche Lösung der Schadensfragen geht. Dies wird jetzt auch vom Land Baden-Württemberg erwartet.

zu 4.
Der Gemeinderat hat in seiner November-Sitzung beschlossen, die Kanzlei Orrick, Hölters & Elsing zu beauftragen, Grundzüge zu einem Schlichtungsverfahren zu entwickeln, die als Grundlage für die weitere Vorgehensweise dienen sollen. Die Interessengemeinschaft der Rissgeschädigten (IGR) soll von Anfang an eingebunden werden.
In einem Gespräch am 9.12.09 mit den Vertretern des Wirtschaftsministeriums, der Landrätin und des Regierungsvizepräsidenten sowie dem Landesbergamt wurde die aktuelle Lage ausführlich besprochen. Außerdem wurde den Vertretern des Wirtschaftsministeriums erläutert, dass die Stadt nur durch ein Schlichtungsverfahren Chancen sieht, außergerichtlich und zügig zu einer Lösung für alle Geschädigten zu kommen.
Die Stadt wird hierzu in den nächsten Monaten einen konkreten Vorschlag erarbeiten. Darüber muss dann rasch entschieden werden.
Am 16.12.09 hat der Gemeinderat den Satzungsentwurf über die Gründung einer Stiftung zur Erhaltung der historischen Altstadt beschlossen. Der nächste Schritt ist die Besetzung des Stiftungskuratoriums mit namhaften Persönlichkeiten aus Sport, Kultur, Politik und Wirtschaft.

zu 5.
Die Stadt Staufen hat bisher Kosten von über 2 Millionen Euro in Zusammenhang mit den Hebungsrissen verauslagt. Darin sind vergebene Aufträge von über 1,5 Millionen Euro noch nicht enthalten.
In dieser Woche hat die Stadt einen Bewilligungsbescheid des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg als Zuschuss für die Erkundungsbohrung in Höhe von 790.000 Euro erhalten. Dieser Zuschuss wurde vom Ministerium von 620.000 auf 790.000 Euro erhöht.
Ferner ging der Bewilligungsbescheid des Wirtschaftsministeriums für die hydraulische Sicherung und Sanierung des Sondenfeldes in Höhe von 1,13 Millionen Euro ein. Damit wurden bisher 1,92 Millionen Euro vom Land Baden-Württemberg bewilligt. Mit der 2. Zahlung des Wirtschaftsministeriums in Höhe von 1,3 Millionen Euro sind jetzt genau 1,914 Millionen Euro ausbezahlt. Für den Doppelhaushalt 2010/11 sind in diesem Zusammenhang weitere Mittel für Staufen eingeplant. Der Landtag muss dem Haushalt noch zustimmen.

Der nächste Pressetermin findet am Mittwoch, den 21.1.2010 um 15.00 Uhr im Stubenhaus in Staufen statt.

Staufen, den 17.Dezember 2009

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (jpg, 2 MB)



Zur Vorgeschichte:

 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch. 
Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 230 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.
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