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Risse in der Altstadt
Presseerklärung 17.9.09

Presseerklärung vom 17.09.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.

Die Erkundungsbohrung (EKB 2) hat zwar ihre Endtiefe unterhalb der Gipslage erreicht (ca. 150 m), aber aufgrund der Durchbohrung der Erdsonde 5 musste der gesamte Bereich bis auf 105 m wegen Erdnachfalls aufbetoniert werden.

Danach wurde, wie schon angekündigt, das 4. Sperrrohr gesetzt. Der Ringraum hinter dem vierten Rohr wurde verdämmt und muss nun abbinden. Deshalb ruhen z.Zt. die Bohrarbeiten. Anschließend wird die EKB noch ca. fünf Meter tiefer in die Muschelkalkschicht gebohrt, um den hydraulischen Anschluss an die EWS 7, die vermutlich in einer anderen Scholle liegt, zu verbessern.

Erst nach Abschluss dieser Arbeiten wird von Bohrbetrieb auf Pumpbetrieb umgestellt.

 

zu 2.

Seit Montag, den 14.9.09, wird in einem Bergwerkschacht im Kinzigtal unter simulierten Real-Bedingungen das Perforieren und Injektieren der Sondenschläuche erprobt – was zuvor durch Laborversuche schon erfolgreich getestet wurde.

Auch der Einsatz des Schneidkopfes (zur geplanten Perforierung der Schläuche) wurde inzwischen in Staufen erfolgreich getestet – die Sondenschläuche sind mit diesem Kopf befahrbar. Wenn die Tests im Kinzigtal positiv verlaufen, worauf alles hindeutet, werden die Sondenschläuche in Staufen mit diesem Verfahren voraussichtlich ab 28.9.09 perforiert.

 

zu 3.

Derzeit wird die zweimonatige große Messrunde unter Leitung des LRA durchgeführt, die den linearen Trend der Hebungen bisher bestätigt. Sobald die genauen Messergebnisse vorliegen, wird der aktuelle Hebungsbuckel auf der Staufener Homepage veröffentlicht.

Zur Zeit sind 217 Privathäuser und 7 städtische Gebäude beschädigt, wobei die Schäden an den betroffenen Häusern selbst zunehmen. Das mit am stärksten betroffene rückwärtige Rathausgebäude (Stadtbauamt) muss womöglich noch vor dem Winter geräumt werden.

Die Begehungen durch die Statiker erfolgen in regelmäßigen Abständen entsprechend dem Ausmaß der Schäden in den Häusern. Die Stadt tritt weiter in Vorleistung, kommt aber jetzt aufgrund der geänderten finanziellen Rahmenbedingungen an ihre Grenzen.

 

zu 4.

Die Sektionierung des Staufener Gasnetzes ist durch die badenova weitgehend abgeschlossen. Die letzten Arbeiten hierzu werden am 22.9.09 in der Rathausgasse/ Ecke Meiergasse begonnen und etwa eine Woche andauern.

Inzwischen hat die badenova alle Anschlüsse in den geschädigten Häusern geprüft und wird Konzepte zum weiteren Vorgehen hinsichtlich der Sicherheit der Bewohner erarbeiten (vgl. Presseerklärung der badenova).

 

zu 5.

Am 7.9. fand im Wirtschaftsministerium ein weiteres Gespräch zum Fall Staufen statt. Daran haben Vertreter aus dem Finanz-, Umwelt-, Innen- und Staatsministerium teilgenommen. Neben Bürgermeister Benitz nahmen auch die Herren Regierungsvizepräsident Ficht und Dr.Kollnig teil. Es wurde die konkrete Umsetzung der Kabinettsbeschlüsse der Landesregierung besprochen. Außerdem diskutierten die Besprechungsteilnehmer über die Einrichtung einer Schlichtungsstelle als Anlaufstelle für alle Geschädigten.

Dabei machten die Vertreter der Stadt deutlich, dass nur ein zusammengefasster Topf zur Regulierung der Schäden Sinn mache. Eine Aufsplitterung auf verschiedene Förderprogramme sei nicht zielführend. Auf dieser Basis wird weiterverhandelt.

 

zu 6.

Am 30.9. wird der Gemeinderat über die von der Stadtverwaltung vorgeschlagene Einrichtung einer Stiftung zur Erhaltung der Historischen Altstadt von Staufen beraten und entscheiden.

Damit könnten bundesweit Spenden zur Abdeckung von persönlichen Härten bei den Geschädigten gesammelt werden. Hierzu bedarf es Persönlichkeiten, die uns z.B. in einem Kuratorium dabei unterstützen. Die Vorbereitungen sind angelaufen.

 

zu 7.

Bei einer Veranstaltung der IGR (Interessensgemeinschaft der Rissgeschädigten) am 9.9. hat Bürgermeister Benitz gegenüber den Geschädigten noch einmal bestätigt, dass die Stadt auf die Geltendmachung der Einrede der Verjährung verzichten wird. Die Stadt wird dies auch vom Land einfordern. Damit wird der Zeitdruck aus den Schadensregulierungsfragen genommen. Außerdem setzte er sich bei der Veranstaltung der IGR mit dem Titel „Schlichtung oder Klage“ für einen partnerschaftlichen Weg zur Lösung der Entschädigungsproblematik ein. Dieser Weg sei für alle Beteiligten der bessere. Der Klageweg bleibe dadurch immer noch offen und möglich.

 

Der nächste Pressetermin findet am Donnerstag, den 15.10.2009 um 14.00 Uhr im Stubenhaus in Staufen statt.

 

Staufen, den 17.September 2009

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (jpg, 2 MB)


Zur Vorgeschichte:

 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch. 
Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 170 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.

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