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Risse in der Altstadt

 

Presseerklärung vom 18.12.2008 zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der Historischen Altstadt von Staufen

1. Die Hebungen halten unvermindert an, derzeit sind 131 Häuser beschädigt.

2. Arbeitskreis Hebungsrisse wurde gegründet; in zwei Besprechungsterminen wurde das weitere technische Vorgehen festgelegt.

3. Anhörungsrunde im Innenministerium hat am 12.Dezember 2008 in Stuttgart unter Beteiligung von Vertretern von vier Ministerien stattgefunden.

4. Die betroffenen Gebäudeeigentümer erhalten bei Bedarf fachkundige Beratung und Unterstützung bei der weiteren
Vorgehensweise.

5. Die Stadt Staufen tritt bis zur Klärung der Finanzierungsfragen bei der Kernbohrung und bei der Planung und evtl. Umsetzung  von Provisorien zur statischen Sicherung der Gebäude in Vorlage.

 

 

zu 1.
Die neuesten Messungen der Landesvermessungsverwaltung am 9.12.2008 haben ergeben, dass die Hebungsgeschwindigkeit unvermindert anhält. An derzeit 61 Messstellen wird die Höhenentwicklung gemessen. Im Zentrum der Hebungen wurde seit Februar 2008 eine Hebungsgeschwindigkeit von 1 cm pro Monat festgestellt. Auch in den Randbereichen ist die Hebungsgeschwindigkeit derzeit gleichbleibend, allerdings mit geringeren Hebungen.
131 Eigentümer haben Schäden an ihren Häusern gemeldet. Damit ist die Historische Altstadt von Staufen, die als Gesamtanlage unter Denkmalschutz gestellt ist, schwer geschädigt. Es muss daher alles technisch Mögliche unternommen werden, um zu versuchen, die Hebungen zum Stoppen zu bringen.
Die Hebungen werden durch Quellvorgänge in einer Gipskeuper-Schicht im Untergrund hervorgerufen. Ursache ist, nach bisher vorherrschender Meinung von Geologen, ein Wasserzutritt aus einer oberhalb oder unterhalb dieser Gipskeuper-Schicht liegenden, wasserführenden Schicht. Dieser Quellvorgang hat bisher eine Hebungsmasse von 1500m³ bewegt. Ein Wasserzustrom von wenigen Litern in der Minute reicht dazu aus.

zu 2.
Am 20. 11.2008 hat Bürgermeister Michael Benitz einen „Arbeitskreis Hebungsrisse“ gegründet, der am 16.12.2008 ein zweites Mal getagt hat. In diesem Arbeitskreis befinden sich die von der Stadt Staufen beauftragten Geotechniker und Statiker, Vertreter der Regierungspräsidien Freiburg und Tübingen (Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe in Freiburg und Fachstelle für Bautechnik in Tübingen), Vermessungsingenieure der Landesvermessungsverwaltung, Vertreter des Landratsamtes Freiburg, Vertreter der Energieversorger sowie die Fraktionsvorsitzenden des Gemeinderates. In diesem Arbeitskreis wird festgelegt, welche nächsten Schritte, insbesondere im technischen Bereich, eingeleitet und umgesetzt werden.

Die beiden Energieversorger berichteten über ihre Einschätzung des derzeitigen Gefahrenpotentials, das durch evtl. Zugbelastungen auf die Gas – und Stromleitungen entstehen kann. Die badenova wird in den kommenden Tagen mit der Untersuchung, auch von Hausanschlussleitungen, beginnen.
Es wird umfangreiche Druckproben geben. Derzeit haben die Gasleitungen die Erdbewegungen ohne erkennbare Schäden überstanden. Die Energiedienst Netze GmbH kann keine unmittelbaren Gefahren für die Niedrigspannungsleitungen der Stromversorgung erkennen. Bei älteren Mittelspannungsleitungen könnten theoretisch Stromausfälle auftreten. 

Einigkeit herrschte in der Expertenrunde darüber, dass zur Erforschung der weiteren Vorgehensweise eine Erkundungsbohrung zwingend erforderlich ist. Hierzu soll in ausreichender Entfernung von dem Sondenfeld in der Rathausgasse eine Kernbohrung schnellstmöglich abgeteuft werden. Die Kernbohrung wird vollständig verrohrt, um weitere Wasserzutritte zu vermeiden. Mit der Bohrung werde man die geologischen Schichten, die Grundwasserverhältnisse, das Quellpotential sowie die Tiefenlage des von der Quellung betroffenen Gebirgsabschnittes erkunden. Die Bohrung wird voraussichtlich Anfang Februar 2009 begonnen.

Bei sechs Gebäuden werden Planungen zur provisorischen, statischen Sicherung aufgenommen. Die Sicherheit der Bewohner hat absoluten Vorrang. Eine endgültige Sanierung der Gebäude wird erst in Frage kommen, wenn der Hebungsprozess abklingt. Eine mögliche Versteifung von Gebäuden im Untergrund ist technisch sehr aufwendig und hat unmittelbaren Einfluss auf Nachbargebäude, so dass eine Sanierung und Sicherung nur im Ensemble gesehen werden kann.
Alle schwer geschädigten Häuser werden in kurzen Abständen kontrolliert und es muß ggf. ad hoc über Sofortmaßnahmen entschieden werden.

zu 3.
Am 12. Dezember fand auf Einladung des Innenministeriums eine Besprechung statt, zu der, neben Vertretern des Innenministeriums, Wirtschaftsministeriums, Umweltministeriums und Finanzministeriums, Vertreter der beiden Regierungspräsidien Freiburg und Tübingen, des Landratsamtes Freiburg sowie der Stadt Staufen mit ihren beauftragten Büros geladen waren. Die derzeitige Situation in Staufen wurde ausführlich dargestellt und diskutiert. Finanzierungszusagen konnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht gemacht werden. Die Ministerien werden sich über die weitere Vorgehensweise beraten.
Ministerpräsident Günther Oettinger, der von Herrn Bürgermeister Benitz ebenfalls angeschrieben wurde, kündigte öffentlich am 16.12.08 einen Bericht an, den Innenminister Heribert Rech und Finanzminister Willi Stächele erarbeiten sollen.

zu 4.
Die geschädigten Eigentümer werden von den Fachleuten des Arbeitskreises Hebungsrisse fachliche Unterstützung in jeglicher Hinsicht erhalten. Bei Bedarf werden die Häuser begangen und das weitere Vorgehen im Einzelfall festgelegt. Für die am stärksten geschädigten Gebäude soll umgehend ein provisorisches Sanierungskonzept erstellt werden. Das von der Stadt Staufen beauftragte Ingenieurbüro aus Karlsruhe soll hierbei die Federführung übernehmen.

zu 5.
Die Stadt Staufen wird diese Krisensituation ohne finanzielle Unterstützung des Landes Baden-Württemberg nicht meistern können. Um aber keine weitere Zeit zu verlieren und bis Finanzierungsfragen endgültig geklärt werden können, tritt die Stadt bei der Finanzierung der notwendigen Kernbohrung, die zusammen mit den notwendigen Versuchen einen Betrag von rund 300.000 € erfordern wird, in Vorleistung. Ebenso wurde von der Stadt das Ingenieurbüro beauftragt, für die am schwersten geschädigten Häuser ein provisorisches, statisches Konzept zu erarbeiten. Es besteht die dringende Notwendigkeit, dass dieser Arbeitskreis Hebungsrisse nicht nur mit Kompetenzen, sondern auch mit Finanzmitteln ausgestattet wird. Entsprechende Bitten wurden in Stuttgart vorgetragen.

Staufen im Breisgau, 18. Dezember 2008

 

 

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur geplanten Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (pdf)

Zur Vorgeschichte:


2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch.

 

Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 120 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen.

 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet.

 

Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

 

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.

 

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