facebook  Facebook

Risse in der Altstadt

Presseerklärung vom 18.6.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.

Die durch Quellvorgänge im Untergrund hervorgerufenen Hebungen halten unvermindert linear in der Spitze bis zu 1cm pro Monat an. Derzeit haben Eigentümer von 187 Häusern Schäden gemeldet.

Es finden weiterhin regelmäßig Messungen durch den Fachbereich Vermessung und Geoinformation des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald (Herr Asal) in zwei Intervallen statt. Die letzte Hebungsmessung im Sondenbereich wurde am 15.6.09 durchgeführt. Die nächste Messung im erweiterten Bereich erfolgt am 29.6.09.

 

Das mit der statischen Überwachung beauftragte Büro für Baukonstruktion aus Karlsruhe (Dr.Hauer) hat inzwischen die 42 am stärksten geschädigten Häuser besichtigt, wird dies in regelmäßigen Abständen weiter tun und die nötigen Maßnahmen einleiten.

An folgenden Gebäuden werden in der nächsten Woche statische Unterstützungsmaßnahmen (Injektionen zur Risssicherung) vorgenommen: Wohnhaus Kerber in der Jägergasse und Bäckerei Faller in der Hauptstraße.

Ebenfalls mit Ankern gesichert werden mussten die Wendeltreppe im Treppenturm und der Rundbogen im historischen Rathausgebäude.

 

zu 2.

Die Erkundungsbohrung (EKB2) hat momentan eine Tiefe von 80 Metern erreicht und ist seit fast 20m in der quellfähigen Schicht. Die quellfähige Schicht wird bis zu einer Tiefe von rund 90m erwartet. Das Quellpotential wird als groß eingeschätzt. Wenn keine Maßnahmen ergriffen würden, könnten diese Schichten um mehrere Meter aufquellen.

Zu den Sicherheitsanforderungen bei den Bohrarbeiten gehörte auch, zwei  Sperrrohre zu verlegen, um das Eindringen von Wasser zu verhindern. Das Setzen der Sperrrohre erforderte durch das Aufbohren und Erhärten der Zementation einen größeren Zeitaufwand als geplant. Auch war und ist weiterhin die Bohrstrecke bohrtechnisch sehr schwierig wegen der Verkarstungen und wasserführenden Hohlräume.

Arbeitshypothese für die nächsten Wochen: Nach Erreichen von ca. 90 Meter Tiefe, dem evtl. Ende der quellfähigen Schicht, muss eine neue Schutzverrohrung gelegt werden. Danach kann pro Woche ca.10 Meter gebohrt werden, so dass die geplante Zieltiefe von 140 Metern bei günstigem Verlauf in 5 bis 6 Wochen erreicht werden kann. Ein schnelleres Bohren ist auch aus Sicherheitsgründen nicht möglich.

 

zu 3.

Messungen an allen 7 Erdwärmesonden (EWS) haben ergeben, dass die Bohrungen nicht vertikal in die Tiefe verlaufen, sondern Neigungen aufweisen. Abweichungen  bis 2 Grad sind bei aufwändigen Bohrungen normal – unsere Bohrungen weichen  bis zu 30 Grad ab. Damit wurde bisher nicht gerechnet. Durch diese Neigungen war es nicht möglich, mit Messgeräten zur Neigungsmessung bis zum Ende aller Bohrungen zu gelangen. Es soll jetzt ein Gerät entwickelt werden, mit dem man die Richtungsabweichungen der EWS-Bohrungen messen kann. Dies ist für die zu erwartende Sanierung des Sondenfeldes von großer Bedeutung.

 

zu 4.

Die badenova hat mit 18 Aufgrabungen zur Sektionierung des Gasnetzes und mit der weiteren Innenüberprüfung von ca.50 geschädigten Häusern im Kernbereich der Schäden begonnen. Hinzu kommen 10 Häuser im erweiterten Bereich. Die Arbeiten werden 2 bis 3 Monate dauern.

Die Überprüfung der Dehnungsbögen in den Leitungen hat Dehnungen von 16 bis 19 mm ergeben. (vgl. Medieninformation badenova)

 

Zu 5.

Bürgermeister Benitz hat in den letzten 4 Wochen zusätzliche Anstrengungen unternommen, um Unterstützung bei der aktuellen Katastrophe zu erhalten und eine politische Lösung zu finden.

Am 20.5. konnte er die Staatssekretärin Marion Caspers-Merck, MdB, und die SPD-Kandidatin, Frau Jana Zirra, in Staufen mit der aktuellen Situation bekannt machen.

Von ihr wurde bereits eine Anfrage an Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, MdB, gerichtet. Es soll auch geprüft werden, ob die Hilfe des Bundes möglich ist.

Am 28.5. waren Herr Ministerialdirigent Karl Greißing (zeichnet für den Bericht an das Kabinett in Stuttgart verantwortlich) und Herr Ebinger vom Wirtschaftsministerium in Staufen. Einladungen zum Besuch vor Ort ergingen an Herrn Ministerpräsident Günther Oettinger MdL, an Herrn Innenminister Heribert Rech MdL, Finanzminister Willi Stächele MdL und an die Umweltministerin Tanja Gönner. Außerdem wurde die CDU-Landtagsfraktion mit Herrn Stefan Mappus, MdL, an der Spitze eingeladen. Da auch u.U. die Hilfe des Bundes nötig werden wird, erging auch eine Einladung an Herrn Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble, MdB und an Herrn Volker Kauder MdB, Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion.

 

Am 10.6.09 machte Bürgermeister Benitz im Landratsamt Emmendingen die Region Freiburg bei der Mitgliederversammlung mit dem „Fall Staufen“ näher bekannt, um auch hier entsprechende Solidarität zu entfalten.

 

zu 6.

Zur Beratung betroffener Hausbesitzer steht Herr Regierungsvizepräsident a.D., Dr. Wilfried Kollnig, weiter zur Verfügung. Nächster Termin ist am Montag, den 22.6.2009 von 16.30 Uhr – 18.00 Uhr im Rathaus.

Auch hat sich Anfang des Monats die Interessensgemeinschaft der Rissgeschädigten (IGR) mit drängenden Fragen zur Haftung und zur Entschädigung als Folgen der Hebungen beschäftigt. Für die Fragen der Geschädigten stand neben Dr.Kollnig auch der Rechtsanwalt der Stadt Staufen, Thomas Steiger, zur Verfügung. 

Durch diese geschaffenen Kommunikationsstrukturen wird der Zusammenhalt der Bürgerschaft weiter gefestigt.

 

Die nächsten Pressetermine sind:

Freitag, 17.07.2009 – 11.00 Uhr

Donnerstag, 20.08.2009 – 14.00 Uhr

jeweils im Stubenhaus in Staufen

 

Staufen im Breisgau, 18.6.2009

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur geplanten Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (pdf)


Zur Vorgeschichte:
 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch. 
Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 170 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.

 

 

 Druckversion