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Risse in der Altstadt

Presseerklärung vom 9.4.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.

Die durch Quellvorgänge im Untergrund hervorgerufenen Hebungen halten unvermindert linear an (bis zu 1cm/Monat) und haben in der Spitze knapp 14 cm erreicht. Derzeit sind 167 Häuser beschädigt.

Die zuletzt am 23.3.09 durchgeführten Hebungsmessungen  werden weiterhin regelmäßig vom Fachbereich Vermessung und Geoinformation des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald durchgeführt. Derzeit bestehen 77 zusätzliche Messstellen, u.a. auch im Gewerbegebiet Gaisgraben und in der Falkenstein-Siedlung. 

Der Ausschuss für Wirtschaft und Verkehr des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald hat dankenswerterweise beschlossen, die Kosten für die Messungen der Stadt nicht in Rechnung zu stellen. Dabei handelt es sich um einen hohen 5-stelligen Betrag.

 

zu 2.

Aus dem durch aktuelle Rissverbreiterungen schwergeschädigten rückwärtigen Rathausgebäude sind einige Akten des Stadtarchivs teilweise aus- und im städtischen Bauhof zwischengelagert. Dies wurde durch Abstützmaßnahmen erforderlich. Die Auslagerung des Grundbuchamtes einschließlich aller Grundbuchakten nach Bad Krozingen ist in Vorbereitung – eine Anfrage an das Justizministerium läuft. Die Verhandlungen mit Bad Krozingen sind kurz vor dem Abschluss.

Das Gebäude selbst wird durch zusätzliche statische Unterstützungsmaßnahmen gesichert. Auch wurden wegen eventueller Rohrbrüche prophylaktisch flexible Wasserleitungen verlegt. Ein Auszug der restlichen Verwaltung ist im Moment nicht geplant. Allerdings wird vorsorglich ein Stufenplan für alle Eventualitäten erarbeitet.

Die regelmäßige statische Überwachung durch das beauftragte Büro für Baukonstruktion aus Karlsruhe hat ergeben, demnächst an folgenden Gebäuden statische Unterstützungsmaßnahmen vorzunehmen: Scheune Wiesler, Haus und Scheune Kerber, Haus Herbig. Der Laubengang im Hotel Löwen ist bereits gesichert worden. Ebenfalls gesichert wird der Treppenturm im historischen Rathausgebäude.

Eine Sicherung im Haus Hermann wurde untersucht und wird jetzt geplant.

 

zu 3.

Mit der Erkundungsbohrung (EKB 1) wurde am 09.03.2009 begonnen. Es stellte sich heraus, dass das Bohrloch der EKB und das Sondenfeld der sieben Erdwärme-bohrungen (EWS 1 – 7) sich durch eine tektonische Verwerfung auf zwei geologisch verschiedenen Erdschollen befinden.

Das erwartete und prognostizierte Profil wurde nicht vorgefunden, vielmehr wurde bereits in geringer Tiefe Lettenkeuper angetroffen, der jedoch erst in 120 m erwartet wurde. Die Bohrung wurde daher gestoppt, Pumpversuche vorgenommen.

Um die Raumlage der Störung, die sich zwischen Erkundungsbohrung und Erdwärmesondenfeld befindet, genauer definieren zu können, wurden 3 seismische Profile (Rathausgasse, Wasserwerk, Jägergasse) in Auftrag gegeben.

Die Auswertung der Profile ergab einen Schichteinfall von ca. 40° Richtung NW. Die seismische Untersuchung bestätigt somit die Prognose, die EKB 1 so nicht weiterzuführen, da hydraulisch keine Verbesserungen möglich wären und die Bohrung direkt in die „Störung“ fahren würde.

Weiter hat die seismische Untersuchung ergeben, dass die „Scholle“ eine Breite von ca. 35 m aufweist. Die Erkundungsbohrung musste in Richtung Sondenfeld wandern. Die EKB 1 wurde als Messstelle ausgebaut. Dadurch hat sich die Notwendigkeit ergeben, eine zweite Erkundungsbohrung, die sich auf der gleichen Erdscholle wie die ursprünglichen Erdwärmebohrungen befindet, vorzunehmen.

  

Die zweite Erkundungsbohrung (EKB 2) hat momentan eine Tiefe von knapp 15 Metern erreicht. Bevor weiter in die Tiefe gebohrt werden kann, wird zur Zeit das Standrohr einbetoniert und, um das Eindringen von Wasser zu verhindern, ein zusätzliches Sperrrohr verlegt. Den Sicherheitsanforderungen bei den Bohrarbeiten wird höchste Priorität eingeräumt.  

Um die genaue Beschaffenheit des Untergrunds, die Grundwasserverhältnisse am Standort und die Ursache der Quellhebungen zu erkunden und um mögliche Sanierungsmaßnahmen planen und einleiten zu können, ist diese teleskopierte und verrohrte Kernbohrung bis in die Schichten des Lettenkeupers in einer Tiefe von rd. 150 Meter geplant. Die Gesamtdauer der Arbeiten wird mit etwa sechs bis acht Wochen veranschlagt.

Die geologische Betreuung und ein Teil der anfallenden Laborarbeiten werden vom Regierungspräsidium Freiburg, Abteilung 9 - Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau vorgenommen. Das Bohrloch soll abschließend mit Messinstrumentarien ausgerüstet werden. Diese dienen der vertikalen Lokalisierung von Hebungsbereichen und einer späteren Kontrolle eingeleiteter Sicherungsmaßnahmen.

zu 4.

Die Stadt Staufen tritt derzeit ständig für provisorische Stützmaßnahmen und Reparaturen in Vorleistung. Dies ohne Anerkennung einer rechtlichen Verpflichtung. Die Sicherheit aller Bewohner geht vor. Die badenova leistet vorbildliche Präventionsarbeit und tauscht Gashausanschlüsse aus (vgl. Medieninformation badenova).

Am 31. März fand im Stuttgarter Wirtschaftsministerium, auf Einladung von Herrn Ministerialdirigent Greißing und unter Beteiligung des Städtetags Baden-Württemberg eine Besprechung statt, bei der die jetzige Situation ausführlich erläutert wurde. Eine Kostenübernahme für die EKB wurde uns auch über die bisher zugesagten 300 T€ hinaus in Aussicht gestellt. Außerdem arbeitet das Wirtschafts-ministerium an einer Finanzierungslösung für die Geschädigten. Ggfs. soll auch die Bundesebene mit einbezogen werden. Die Stadt hat Herrn Wirtschaftsminister Pfister gebeten, auch die Kosten für Provisorien zu übernehmen. Dazu konnte noch keine abschließende Aussage gemacht werden.

 

zu 5.

Zur Beratung betroffener Hausbesitzer hat sich Herr Regierungsvizepräsident a.D., Dr. Wilfried Kollnig, bereit erklärt. Nach einem am 26. März stattgefundenen Runden Tisch mit Betroffenen wird momentan ein umfangreicher Fragenkatalog der Geschädigten bearbeitet.

Auch steht Herr Dr. Kollnig  für eine Einzelberatung für Personen, die durch die Hebungsrisse in der Stadt geschädigt sind, erstmals am Dienstag, den 28.4.2009 von 16.30 Uhr – 18.00 Uhr im Rathaus (EG, Büro neben dem Bürgerbüro) zur Verfügung.

Bei Bedarf an einer solchen Beratung melde man sich bitte vorab telefonisch unter der Rufnummer 805-21, oder per e-mail an leimenstoll@staufen.de an.

Sowohl der Runde Tisch, als auch die Einzelgespräche werden bei Bedarf fortgesetzt. Weitere Termine wurden vor der Sommerpause reserviert.

 

zu 6.

Die Stadt Staufen und der Stadtbild e.V. rufen allgemein zu Spenden auf. Viele der Geschädigten können für die Schäden nicht selbst aufkommen. Auch ist die Stadt Staufen mit der finanziellen Bewältigung dieser Katastrophe völlig überfordert.

Der Staufener Stadtbild e.V. hat in seiner Satzung u.a. als steuerlich begünstigten Zweck die Erhaltung unserer denkmalgeschützten, historischen Altstadt festgeschrieben, d.h. eingehende Spenden sind steuerlich abzugsfähig.

Er hat für diese Zwecke zwei Spendenkonten eingerichtet –

Volksbank Staufen (680 923 00), Kontonummer 29807 und

Sparkasse Staufen-Breisach (680 523 28), Kontonummer 117 8888.

 

Wir bitten Sie alle, im Interesse der Geschädigten und zur Erhaltung unserer einmaligen, historischen Altstadt um eine Spende.

 

Die nächsten Pressetermine sind:

 

14.05.2009 – 10.00 Uhr

18.06.2009 – 10.00 Uhr

17.07.2009 – 11.00 Uhr

jeweils im Stubenhaus in Staufen

 

Staufen im Breisgau, 9.4.2009

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur geplanten Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (pdf)

Zur Vorgeschichte:
 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch.

Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 120 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 
 Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.
 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch.

 

Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 120 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 
 Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.
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