facebook  Facebook

Risse in der Altstadt

Presseerklärung vom 20.08.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

1.    Ministerpräsident Günther H. Oettinger hat am Sonntag, 9.8.2009  Staufen besucht. Das Landeskabinett hat sich am 18.8.09 wieder mit dem Fall Staufen beschäftigt.
Hilfen des Landes zugesagt.

2.    Die Erkundungsbohrung (EKB 2) hat die Endteufe erreicht. 4. Sperrrohr wird gerade eingebaut. Die Arbeiten zur Einrichtung eines Pumpbetriebes in der EKB 2 werden vorbereitet. 

3.    Das LGRB hat die Ergebnisse der Richtungsmessungen (Azimut-Inklinometermessungen) ausgewertet. Die Erdwärmesondenbohrspuren können nun in der Grundrissdarstellung erläutert werden. Die Abweichungen wurden bestätigt.
In einer Tiefe von ca. 118 m wurde die Erdwärmesonde 5 durchbohrt. Messgenauigkeit der Azimut-Inklinometer-messungen wurde damit indirekt bestätigt.
Das Abdichtungsmaterial im Ringraum wird untersucht.

4.    Die Hebungen halten unvermindert linear an, neben 7 städtischen Gebäuden sind 211 private Eigentümer betroffen.
Statische Begehungen werden weiter im engen Raster durchgeführt.

5.    Erste Ergebnisse der Laborversuche zur Perforierung der Sondenschläuche liegen vor. Die Vorversuche sind soweit abgeschlossen, so dass als nächster Schritt die Feldversuche erfolgen können.

zu 1.
In einem ausführlichen Gespräch am Sonntag, den 09.08.2009 im Historischen Ratssaal informierte sich der Ministerpräsident über den derzeitigen Schadens-umfang und über den Stand der Erkundungsbohrung. Bei einem anschließenden Rundgang zeigte sich der Ministerpräsident betroffen vom Ausmaß der Schäden in den beiden Rathäusern und im Haus von Herrn Hermann in der Jägergasse. Er kündigte einen weiteren Besuch im Herbst diesen Jahres an.

Am 23.7.09 hatten sich Herr Finanzminister Willi Stächele, Herr Finanzstaatssekretär Gundolf Fleischer und Herr Stellvertretender Fraktionsvorsitzender Dr. Klaus Schüle ebenfalls vor Ort ausführlich informiert und der Stadt ihre Unterstützung zugesagt.

Am Dienstag den 18. August hat sich das Kabinett wieder mit unserer Katastrophe beschäftigt. Am Dienstagabend hat Herr Ministerpräsident Oettinger dem Bürger-meister in einem Schreiben die Beschlüsse des Ministerrats mitgeteilt. Die Landes-regierung steht mit diesen Beschlüssen zu ihrem Wort, Staufen bei der Beseitigung der Schäden und dem drohenden Zerfall der Altstadt nicht alleine zu lassen und als Partner zur Seite zu stehen.
Die Beschlüsse sind in der ebenfalls ausliegenden Pressemitteilung der Landes-regierung vom 18.8.09 zusammengefasst.

Die Stadt Staufen ist der Landesregierung außerordentlich dankbar für diese klare Zusage und Botschaft. Ein besonderer Dank gilt hier den Kabinettsmitgliedern, die Staufen besucht und von Anfang an Unterstützung zugesagt hatten, namentlich den
Herren Ministerpräsident Günther H. Oettinger, Finanzminister Willi Stächele, Wirtschaftsminister Ernst Pfister und Finanzstaatssekretär Gundolf Fleischer.
Wir sind zuversichtlich, dass wir diese schwierige Situation zusammen mit dem Land
Baden-Württemberg meistern werden.

zu 2.
Die Bohrung der EKB 2 ist unterhalb der Gipslage angekommen und hat mittlerweile die Endteufe von ca. 150 m erreicht.

Die Grenze des Gipsgebirges endete bei einer Tiefe von 141,70 m.
Um einen sicheren Pumpbetrieb zu ermöglichen und das gesamte Gipsgebirge abzuschotten, wird derzeit ein 4. Sperrrohr eingebaut.

Ferner werden die Arbeiten zur Einrichtung eines Pumpbetriebes an der Stelle der EKB 2 vorbereitet. Sollten die Sonden von dieser Stelle aus nicht hydrologisch beeinflusst werden können, ist über den Standort und die Einrichtung eines weiteren Brunnens zu entscheiden.

zu 3.
Wie schon berichtet, weisen die Erdwärmesonden zumindest in ihrem unteren Abschnitt ab ca. 60 m  erhebliche Abweichungen von der Vertikalen auf. Die bisherigen Inklinationsmessungen erlaubten keine Aussagen zur Richtung der Bohrlochabweichung.

Das LGRB hatte die Entwicklung und Herstellung eines Zwei-Achsen-Inklinometers mit Azimutmesseinrichtung in Miniaturgröße beauftragt. Dieses neue Gerät kam in Staufen erfolgreich zum Einsatz.

Die Ergebnisse wurden nun ausgewertet, die Abweichungen von der Vertikalen liegen im Bereich von 10 bis 20 m und untermauern eindrucksvoll, dass eine Überbohrung der Sonden gescheitert und das Problem im Untergrund höchstwahrscheinlich verschlimmert worden wäre.

Die zufällig durchbohrte Erdwärmesonde 5 wurde nach der Durchbohrung nach unten und oben abgedichtet, das Abdichtungsmaterial im Ringraum wurde zur Analyse in ein Labor der Uni Karlsruhe geliefert. Ergebnisse stehen noch aus.

zu 4.
Neben 7 städt. Gebäuden haben bisher 211 private Eigentümer Gebäudeschäden gemeldet. Die durch Quellvorgänge im Untergrund hervorgerufenen Hebungen halten unvermindert linear an. Dies bestätigen leider auch wieder die Ergebnisse der 14-tägigen Messungen, welche am 17. August 2009 im engeren Kreis der Messpunkte durchgeführt wurden.
Die höchste Hebungsrate wurde mit 18 cm gemessen.
Die aktuelle Hebungsfigur, Stand 16.07.2009 (große Messrunde) ist auf der Homepage der Stadt Staufen abrufbar.

Die Begehungen des Büros für Baukonstruktion aus Karlsruhe werden konsequent fortgesetzt. Um die Verkehrssicherheit der Gebäude zu gewährleisten, fallen ständig Reparaturarbeiten an, die von der Stadt in Auftrag gegeben werden.
Weitere Untersuchungen werden insbesondere im Historischen Rathaus und im Ratscafé erforderlich. Dabei müssen zahlreiche Decken – und Wandöffnungen zur Beurteilung der tragenden Teile hergestellt werden.
Die badenova wird bis Ende September die Sektionierung des Gasnetzes abgeschlossen haben.

Zu 5.
In den vergangenen 14 Tagen wurde die Perforierung der Erdwärmesonden- schläuche im Labor erprobt. Die Ergebnisse waren positiv.
Als nächster Schritt werden weitere Versuche in Form von Feldversuchen in einem Bergwerkschacht durchgeführt. Die Dauer der Versuche wird ca. 14 Tage in Anspruch nehmen. Wenn auch diese Versuche erfolgreich verlaufen, erfolgt der Einsatz vor Ort in den Erdwärmesonden.

Die nächsten Pressetermine finden am Donnerstag, den 17.09.2009 und am Donnerstag, den 15.10.2009 jeweils um 14.00 Uhr im Stubenhaus in Staufen statt.

Staufen, den 20. August 2009

 Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (jpg, 2 MB)


Zur Vorgeschichte:
 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch. 
Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 170 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.

 Druckversion