facebook  Facebook

Risse in der Altstadt

 

 

 

Presseerklärung vom 6.3.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

1. Die Hebungen halten unvermindert an, 159 Häuser geschädigt

2. Temperaturmessungen in den Erdwärmesonden bestätigen Auffälligkeiten bei EWS 7

3. Beginn der Erkundungsbohrung: 9.3.2009

4. SAR-Interferometrie wird als bedeutsames Werkzeug der Fernerkundung angewendet

5. Stadt Staufen tritt für provisorische Behebung von Schäden, ohne Anerkennung einer evtl. Verpflichtung, in Vorleistung

zu 1.
Die Hebungen, hervorgerufen durch Quellvorgänge in einer Gipskeuper-Schicht im Untergrund, halten unvermindert linear an (bis zu 1cm/Monat). Derzeit sind 159 Häuser beschädigt.

Die zuletzt am 26.02.09 durchgeführten Hebungsmessungen  werden weiterhin regelmäßig vom Fachbereich Vermessung und Geoinformation des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald durchgeführt.

Neben den derzeit 84 bestehenden Messstellen werden weitere Messpunkte im Gewerbegebiet Gaisgraben und in der Falkenstein-Siedlung eingerichtet.

zu 2.
Die Temperaturmessungen in den Erdwärmesonden (EWS) 1-7 zeigen, dass sich das Temperaturprofil in EWS 7 weiterhin von den Temperaturprofilen in EWS 1-6 signifikant unterscheidet.

Der Verlauf der Messkurven zeigt aus hydrogeologischer Sicht, dass in allen Temperaturprofilen eine Temperaturerhöhung im Bereich zwischen 72 und 82 m unter dem Gelände feststellbar ist, was als exotherme Reaktion bei der Umwandlung von Anhydrit in Gips zu deuten ist.

Durch in den Sonden permanent eingebaute Temperaturfühler können die Veränderungen der Temperaturen in den Sonden kontinuierlich beobachtet werden.

zu 3.
Mit der Erkundungsbohrung hinter dem historischen Rathausgebäude in der Rathausgasse wird am 9.3.2009 begonnen. Die Dauer der Arbeiten wird mit etwa sechs bis acht Wochen veranschlagt.

Um die genaue Beschaffenheit des Untergrunds, die Grundwasserverhältnisse am Standort und die Ursache der Quellhebungen zu erkunden und um mögliche Sanierungsmaßnahmen planen und einleiten zu können, ist diese teleskopierte und verrohrte Kernbohrung bis in die Schichten des Lettenkeupers in einer Tiefe von rd. 150 Meter geplant.
In der Bohrung sollen geotechnische Versuche und Grundwasseruntersuchungen durchgeführt werden. Darüber hinaus werden geophysikalische Messungen vorgenommen.

Gegebenenfalls kann es im Sinne von Sicherungsmaßnahmen notwendig werden, in dem Bohrloch eine längere Grundwasserhaltung vorzunehmen. Ziel dabei wäre es, einen weiteren Wasserzutritt in quellfähige Bereiche des Gebirges zu vermindern.
Ziel der Erkundungsbohrung kann auch sein, den Grundwasserspiegel ggf. abzusenken und Temperaturmessungen in den Sonden erneut vorzunehmen, um so Sicherheit zu bekommen, ob und ggf. welche Bohrungen Undichtigkeiten aufweisen.

Den Sicherheitsanforderungen bei den Bohrarbeiten wird höchste Priorität eingeräumt.
Die geologische Betreuung und ein Teil der anfallenden Laborarbeiten werden vom Regierungspräsidium Freiburg, Abteilung 9 - Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau vorgenommen. Das Bohrloch soll abschließend mit Messinstrumentarien ausgerüstet werden. Diese dienen der vertikalen Lokalisierung von Hebungsbereichen und einer späteren Kontrolle eingeleiteter Sicherungsmaßnahmen.

zu 4.
Die SAR-Interferometrie (IN SAR, DIFFSAR), ein Forschungsprojekt der Uni Karlsruhe, wird als bedeutsames Werkzeug der Fernerkundung angewendet.
Bis Ende 2oo9 sowie rückwirkend für 2oo8 sollen die Veränderungen durch die SAR-Interferometrie aufgezeigt werden. (Szenen)
Die Stadt Staufen wird sich an den Kosten der Szenen zur Hälfte beteiligen.

Ein weiteres Verfahren zur Verformungs-Vermessung einzelner Gebäude wird derzeit nicht als sinnvoll erachtet. Die Aufnahmen wären jedoch als Ergänzung der bisherigen Messungen aussagekräftig, dies aber erst zu einem Zeitpunkt wenn die Verformungen abklingen.

zu 5.
Das von der Stadt Staufen beauftragte Büro für Baukonstruktion aus Karlsruhe wird die Schäden an den stark betroffenen Häusern weiterhin begutachten und Maßnahmen zur provisorischen statischen Sicherung erarbeiten.

Alle schwer geschädigten Häuser werden auch weiterhin in kurzen Abständen kontrolliert, die Sicherheit der Bewohner hat dabei absoluten Vorrang.

Der Staufener Gemeinderat machte sich bei einem Rundgang mit dem momentanen Sachstand der Häuserschäden vertraut.
Nach bisherigem Ermittlungsstand besteht für die Standsicherheit der Gebäude keine Gefahr.

Die Stadt Staufen wird für notwendige Sicherungen/Provisorien, die wegen der Bewegungen im Untergrund notwendig werden, ohne Anerkennung einer rechtlichen Verpflichtung, in Vorlage treten, jedoch nicht für Schäden, die nachweisbar eine längere Historie aufweisen. Dies gilt es, vor Beauftragung von Sanierungsmaßnahmen, klar zu unterscheiden. Im Hotel Löwen werden in der Zeit vom 26.o2. bis 12.o3.2oo9 erste Sanierungsmaßnahmen im Laubengang ausgeführt.

Die Stadt Staufen ist der badenova dankbar, dass sie die Problematik sehr ernst nimmt, wie die Überprüfungen der Gas- Hausanschlussleitungen und Maßnahmen durch den Energieversorger zeigen. Die Überprüfungen werden weiter regelmäßig in den betroffenen Häusern durchgeführt. Aufgrabungen und Kontrollmessungen sind in der Meiergasse 4 und Jägergasse 8 ab KW 1o/2oo9 vorgesehen. (siehe auch die Pressemitteilung der badenova vom 6.3.2009).

Staufen im Breisgau, 6.3.2009

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur geplanten Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (pdf)

Zur Vorgeschichte:


2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch.

 

Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 120 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen.

 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet.

 

Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

 

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.

 

 Druckversion