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Risse in der Altstadt

Presseerklärung vom 14.5.2009
zu den Hebungsrissen an Gebäuden in der historischen Altstadt von Staufen

zu 1.
Die durch Quellvorgänge im Untergrund hervorgerufenen Hebungen halten unvermindert linear an (bis zu 1cm/Monat) und haben in der Spitze 15 cm erreicht. Derzeit sind 179 Häuser beschädigt, die allermeisten im Altstadtkern.
Es finden regelmäßig Messungen durch den Fachbereich Vermessung und Geoinformation des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald in zwei Intervallen statt: Eine 14-tägige im engeren Bereich um die Sonden und eine zweimonatige an allen 77 Messstellen, u.a. auch im Gewerbegebiet Gaisgraben und in der Falkenstein-Siedlung. Die letzte Hebungsmessung im Sondenbereich wurde am 4.5.09 durchgeführt. Die nächste Messung der großen Runde erfolgt in der letzten Maiwoche.

zu 2.

Die Auslagerung des Grundbuchamtes einschließlich aller Grundbuchakten aus dem schwer geschädigten rückwärtigen Rathausgebäude nach Bad Krozingen ist abgeschlossen. Seit dem 4.5.2009 befindet es sich im dortigen Josefshaus, Basler Str. 1. Das Justizministerium in Stuttgart hat der Auslagerung wegen der außergewöhnlichen Umstände zugestimmt,  aber darauf bestanden, dass Anträge auf Eintragung ins Grundbuchamt nach wie vor auch in Staufen abgegeben werden können.

Das Gebäude selbst wurde durch statische Unterstützungsmaßnahmen gesichert. Die eingebauten Holzstützen wurden mit Keilen unterlegt, die regelmäßig nachjustiert werden. Auch wurden prophylaktisch flexible Wasserleitungen verlegt.

Ein Auszug der restlichen Verwaltung ist im Moment nach wie vor nicht geplant, allerdings wird vorsorglich ein Stufenplan für eine eventuell notwendig werdende Evakuierung erarbeitet.

Die regelmäßige statische Überwachung durch das beauftragte Büro für Baukonstruktion aus Karlsruhe hat ergeben, demnächst an folgenden Gebäuden statische Unterstützungsmaßnahmen vorzunehmen: Bäckerei Faller und Geschäft Van der Forst in der Hauptstraße, Wohnhaus Kerber und Haus Hermann in der Jägergasse. Ebenfalls gesichert werden muss der Treppenturm im historischen Rathausgebäude.

 

zu 3.

Mit der Erkundungsbohrung (EKB 1) wurde am 9.März 2009 begonnen. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Bohrloch der EKB und das Sondenfeld der sieben Erdwärmebohrungen sich durch eine tektonische Verwerfung auf zwei geologisch verschiedenen Erdschollen befinden. Die EKB 1 wurde deshalb als Messstelle ausgebaut und mit einer zweiten Erkundungsbohrung, die sich auf der gleichen Erdscholle wie die ursprünglichen Erdwärmebohrungen befindet, wurde am 23.3.09 begonnen. Diese zweite Erkundungsbohrung (EKB 2) hat momentan eine Tiefe von knapp 38 Metern erreicht.

Den Sicherheitsanforderungen bei den Bohrarbeiten wird höchste Priorität eingeräumt. Deshalb wurde das Standrohr einbetoniert und, um das Eindringen von Wasser zu verhindern, wurden zwei Sperrrohre verlegt. Das erste wurde bei 13,7 m im Schilfsandstein und das zweite bei 32,3 m oberhalb des Gipsspiegels gesetzt. Ziel der Sperrrohre ist eine Stockwerkstrennung, die entsprechende Bohrsicherheit gewährleistet. Das Setzen der Sperrrohre erforderte allerdings durch das Aufbohren und Erhärten der Zementation einen Zeitaufwand von etwa einer Woche. Auch war die Bohrstrecke über dem Gipsspiegel bohrtechnisch sehr anspruchsvoll.

Wenn keine Verkarstungen und wasserführenden Hohlräume angetroffen werden, wird es noch etwa vier bis fünf Wochen dauern, bis die geplante Tiefe von 150 m erreicht ist.

Die geologische Betreuung liegt in den Händen von Herrn Breder von der Ingenieurgruppe Geotechnik Kirchzarten und  vom Regierungspräsidium Freiburg, Abteilung 9 - Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau.

 

zu 4.

Die Stadt Staufen tritt derzeit ständig für provisorische Stützmaßnahmen und Reparaturen in Vorleistung. Dies ohne Anerkennung einer rechtlichen Verpflichtung und nicht für Schönheitsreparaturen.

In letzter Zeit wurden Wohnhäuser und Scheunen hauptsächlich in der Hauptstraße, in der Jäger- und Rathausgasse provisorisch abgestützt. Das Rathaus-Café erhielt eine neue große Scheibe und Maßnahmen zur Sicherung der Bodenplatten im Stadtschloss waren notwenig.

Das Wirtschaftsministerium arbeitet weiterhin an einer Finanzierungslösung für alle Geschädigten. Ein nächstes Gespräch findet Ende Mai in Staufen statt.

 

zu 5.

Zur Beratung betroffener Hausbesitzer hatte sich Herr Regierungsvizepräsident a.D., Dr. Wilfried Kollnig, bereit erklärt. Nach einem am 26. März stattgefundenen Runden Tisch mit Betroffenen wurde ein umfangreicher Fragenkatalog der Geschädigten erarbeitet und von der Stadtverwaltung beantwortet. Das Protokoll dieses ersten Runden Tisches ist auf der Homepage der Stadt Staufen unter Aktuelles veröffentlicht.

Der nächste Runde Tisch findet am 19.5.09 um 19.00 Uhr im Stubenhaus statt, im Anschluss lädt die Interessensgemeinschaft der Rissgeschädigten (IGR) um 20.15 Uhr zum Thema „juristische Fragen“ ein.

Die Gründung der IGR wird von der Stadtverwaltung sehr begrüßt. Bestmögliche Unterstützung dieser Interessensvertretung wird zugesagt. Herr Trch ist ab sofort im AK Hebungsrisse für die IGR vertreten.

Durch die jetzt geschaffenen Kommunikationsstrukturen wird der Zusammenhalt der Bürgerschaft weiter gefestigt.

 

Auch steht Herr Dr. Kollnig  für Einzelberatungen weiterhin zur Verfügung. Nächster Termin ist am Donnerstag, den 28.5.2009 von 16.00 Uhr – 18.00 Uhr im Rathaus. Bei Bedarf an einer solchen Beratung melde man sich bitte vorab telefonisch unter der Rufnummer 805-21, oder per e-Mail an leimenstoll@staufen.de an.

 

zu 6.

Die Stadt Staufen und der Stadtbild e.V. rufen zu Spenden auf. Viele der Geschädigten können für die Schäden nicht selbst aufkommen. Auch ist die Stadt Staufen mit der finanziellen Bewältigung dieser Katastrophe völlig überfordert, dies auch unabhängig von den Bemühungen um eine politische Lösung.

Der Staufener Stadtbild e.V. hat in seiner Satzung u.a. als steuerlich begünstigten Zweck die Erhaltung unserer denkmalgeschützten, historischen Altstadt festgeschrieben, d.h. eingehende Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Das zuständige Finanzamt hat signalisiert, dass die Spenden unmittelbar und satzungsgemäß, also denkmalbezogen, verwendet werden müssen.

 

Der Verein hat dafür zwei Spendenkonten eingerichtet:

Volksbank Staufen (680 923 00), Kontonummer 29807 und

Sparkasse Staufen-Breisach (680 523 28), Kontonummer 117 8888.

 

Wir bitten Sie um Ihre Unterstützung.

 

Die nächsten Pressetermine sind:

18.06.2009 – 10.00 Uhr

17.07.2009 – 11.00 Uhr

jeweils im Stubenhaus in Staufen

 

Staufen im Breisgau, 14.5.2009

Anlagen:
Übersicht zu den geschädigten Häusern (png)
Skizze zur geplanten Kernbohrung (pdf)
Übersicht zu den Hebungen (pdf)

Zur Vorgeschichte:
 
2006/07 wurden Staufens historisches Rathaus und das rückwärtige Rathausgebäude generalsaniert. Bei dieser Gelegenheit beschloss der Staufener Gemeinderat einstimmig, für die Heizung der beiden Rathausgebäude mit Erdwärme (Geothermie) eine innovative Energietechnik  zu nutzen.
Der Antrag der Stadt für die dafür notwendigen Erdbohrungen bis 140 Meter Tiefe wurde der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, dem Landesamt für Geologie, Bergbau und Rohstoffe, vorgelegt und von der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes genehmigt. Eine österreichische Spezialfirma führte daraufhin im September 2007 die sieben Bohrungen zwischen den beiden Rathausgebäuden durch. 
Ende des Jahres tauchten am Rathaus und weiteren Gebäuden in der Altstadt erste Haarrisse auf, die sich ständig vergrößerten. Inzwischen sind über 170 Häuser in der als Gesamtensemble denkmalgeschützten Altstadt betroffen. 

Ein erstes Gutachten des vom Landgericht Freiburg bestellten Sachverständigen liegt seit Oktober dieses Jahres vor und seither weiß man, was im Untergrund Staufens passiert: In eine 75 Meter mächtige Gips-Keuperschicht ist Wasser eingedrungen und durch die Verbindung mit Anhydrit bildet sich unter Volumenzunahme Gips. Dadurch hebt sich die Erde in Staufen pro Monat etwa um einen Zentimeter, an einigen Stellen bisher insgesamt 10 Zentimeter – und der Quellvorgang ist nicht beendet. 
Das Gutachten benennt allerdings keine eindeutige Ursache. Das Einsickern von Wasser in die Gips-Keuperschicht kann sowohl durch die Geothermie-Bohrungen als auch durch die ständigen tektonischen Verschiebungen unter der Stadt verursacht worden sein. Obwohl die räumliche und zeitliche Nähe der Bohrungen für diese als Ursache der aufgetretenen Schäden spricht, gibt es keine eindeutige Zuweisung durch das Gutachten. Dadurch kann aus juristischer Sicht aber derzeit auch niemand als Schadensverursacher benannt werden. Weder kann man z.Zt. die Fachplaner und die Bohrfirma bzw. deren Versicherungen noch die Genehmigungsbehörde in die Verantwortung nehmen. Auch die einzelnen Gebäudeversicherungen kommen nicht für die Schäden auf solange die Ursachen ungeklärt sind.

Um die Hausbesitzer mit dieser Situation nicht allein zu lassen, strebt Staufens Bürgermeister Michael Benitz die Einrichtung eines Hilfsfonds an, aus dem die Schäden bezahlt werden sollen. Das Land Baden-Württemberg prüft, inwieweit es diesen Fonds unterstützen kann, denn die langsame Zerstörung einer denkmalgeschützten historischen Altstadt durch unaufhaltsam wirkende Erdkräfte ist eine tatsächliche Katastrophe.

 

 

 

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