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Der Gewerbekanal: Staufens alte industrielle Lebensader

Teil 2: Kapuzinerwalke und Messerschmiede, Albert-Hugard-Str. 28 (Flst.-Nr. 469)

1685 hatte sich in Staufen ein Kapuzinerkloster niedergelassen, das zur Herstellung von Mönchskutten eine Wollmanufaktur betrieb. Während sich die Webstühle auf dem Klostergelände befanden, erwarben die Kapuziner 1698 ein Grundstück auf der rechten Seite des Gewerbekanals, um dort eine mit Wasserkraft betriebene Walke einrichten zu können (Hermann Schmid: Das Kapuziner-Kloster zu Staufen, in: Badische Heimat 62, 1982, S. 127–146, hier S. 135–136). Wie es sich für den Bettelorden gehörte, war das Grundstück eine Schenkung, nämlich von dem Staufener Schmied Johann Theobald Blumenschein (Abschrift der Stiftungsurkunde in Staatsarchiv Freiburg, B 741/5, Nr. 118); das Holz spendete die Stadt (Stadtarchiv, Chronik von Johann Baptist Hugard). Da Walke und Weberei nur dem Eigenbedarf dienten, waren sie nur selten in Betrieb (ein Bericht aus dem Jahr 1783 spricht von 28 Betriebstagen im Jahr: Staatsarchiv Freiburg, B 741/8, Nr. 2592). 




Ehemalige Kapuzinerwalke und Messerschmiede in der Albert-Hugard-Straße.

Gegenüber der Walke errichtete in den 1740er Jahren die Familie Bauer an eine bestehende Schleife – die vielleicht noch auf den Schenker von 1698, den Schmied Blumenschein zurückging – eine Hammerschmiede (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nr. 275). Auf diese heiratete 1801 der aus Bernau stammende Hufschmied Johann Georg Köpfer ein (Hugard, Staufener Bürgerfamilien). Von der Schleife leitete sich der Flurname „Schleifmatten“ für das benachbarte Wiesengrundstück ab. Auch der Flurname „des Messerschmieds Felsen“ für die unmittelbar über der Schmiede stehende Felsnadel geht offenbar auf die von der Familie Bauer betriebene Hammerschmiede zurück. Allerdings sind beide Flurnamen erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnt (Schleifmatten: Stadtarchiv Staufen, Grundbuch, Bd. II, S. 255; vgl. Schäffner, Flurnamen, S. 29; Messerschmiedfelsen: Stadtarchiv Staufen, Grundbuch, Bd. II, S. 255, aus dem Jahr 1819) und die Herstellung von Messern ist ansonsten nicht nachweisbar. Schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde jedenfalls die aus dem Flurnamen erschlossene Messerschmiede nicht mehr betrieben (vgl. die statistische Tabelle des Bezirksamts Staufen von 1835, Kopie ohne Quellenangabe im Stadtarchiv Staufen), während Hammerschmiede und Schleife weiterhin bestanden (Stadtarchiv Staufen, Grundbuch, Bd. III, S. 495).

Als die Kapuziner auf Drängen des Staats 1827 die Walke abstoßen mussten, übernahm Köpfer auch dieses Werk (Stadtarchiv Staufen, Grundbuch, Bd. III, S. 90). Er oder sein Sohn Martin richteten dort ein Wohnhaus mit Werkstatt ein (erschlossen aus den Altersangaben des Gebäudes in den Schätzungstabellen der Feuerversicherung: Stadtarchiv Staufen, Schätzungstabellen) und verfügten in der Folgezeit über zwei Wasserräder, mit denen Maschinen betrieben werden konnten. Köpfers Enkel, auch er trug den Vornamen Martin, veräußerte letzteres 1860 an den Mechaniker Pius Beha, der darin eine mechanische Werkstatt einrichtete, während die Hammerschmiede im Besitz Köpfers blieb (Stadtarchiv Staufen, Grundbuch, Bd. VII, S. 353). 

Von der Witwe des früh verstorbenen Beha kaufte 1874 der aus Freiburg stammende Mechaniker Camill Buisson das Anwesen, wobei er sämtliche Geräte Behas übernehmen konnte (StadtA Staufen, Grundbuch, Bd. XIII, S. 372). Buisson, durch hohe Schuldverpflichtungen beim Kauf der Werkstatt gehemmt, kam offenbar nicht recht vorwärts, obwohl er wiederholt von seiner wohlhabenden Familie in Freiburg unterstützt wurde, indem diese Grundstücke zu Buissons Verwendung und 1884 von den Köpfers zudem noch die Hammerschmiede erwarb (Zunächst erwarb Buissons Vater Friedrich Buisson, später sein Bruder Robert, Ölmüller in Freiburg, Grundstücke auf Markung Staufen, vgl. StadtA Staufen, Grundbuch. Kauf 1884: StadtA Staufen, Grundbuch, Bd. XVI, S. 140). Über der Familie stand kein glücklicher Stern. Drei Kinder verstarben in sehr jungen Jahren und Buisson selbst wurde bereits 1888 mit erst 44 Jahren Opfer einer langwierigen Erkrankung. Über den Nachlass musste der Konkurs eröffnet werden. Das Andenken an den unglücklichen Mann wird aber durch einen schönen Grabstein bewahrt, den seine Familie in Freiburg stiftete.

Buissons Mechanikerwerkstatt diente im Zuge der zunehmenden Mechanisierung der Landwirtschaft vornehmlich der Herstellung und der Reparatur landwirtschaftlicher Geräte. So warb Buisson im „Staufener Wochenblatt“ beispielsweise für von ihm hergestellte Futterschneidemaschinen oder Trottwinden, deren Verarbeitung das Lob staatlicher Stellen fand (StaatsA Freiburg, B 741/1, Nr. 488 (Visitation der Stadt durch das Oberamt, April 1878): die mechanische Fabrik liefere gute und billige Futterschneidemaschinen). Daneben betrieb er ein Bad, wobei aber Klagen kamen, es sei zu bestimmten Zeiten zu voll und zu kalt. Es war auch nach seinem Tode weiter geöffnet. Am Höllenberg wurde ein Fußsteg erstellt, den er entworfen hatte, einfach und solide und mit einem hübschen Geländer versehen. Außerdem hielt er Vorträge im Gewerbeverein und im Arbeiterbildungsverein, so über die mechanisch-physikalische Herstellung von Sauerstoff und seine Verwendung.

Aus dem Konkursverfahren erwarb Buissons Bruder das nach wie vor mit zwei Wasserrädern versehene Anwesen zurück und verpachtete es anscheinend anschließend an den Mechaniker Damian Obergfell, der das Haus schließlich 1895 kaufte, sich jedoch nicht lange halten konnte (Kaufvertrag: StadtA Staufen, Grundbuch, Bd. XVIII, S. 652. Die vorangehende Verpachtung erschlossen aus den Gewerbesteuertabellen 1890–1899 im StadtA Staufen, in denen Obergfell seit 1890 belegt ist). Die Gründe dafür sind unklar, da an einer mechanischen Werkstatt in Staufen an sich großer Bedarf bestand. Kurzzeitig versuchte Obergfell, die Gebäude einer ehemaligen Tuchfabrik an der Bahnhofstraße zu übernehmen, was aber nicht gelingen wollte, worauf diese 1892 an den Mechaniker Emil Fark ging, der dort sehr erfolgreich einen Konkurrenzbetrieb aufzog.

 

Das Anwesen zur Zeit der mechanischen Werkstatt von Damian Obergfell, 1895. Schemenhaft ist am rechten Gebäude das Wasserrad erkennbar (Vorlage: Stadtarchiv Staufen, N 1277/44).


Die Werkstatt und die ehemalige Hammerschmiede im Süden der Stadt dienten darauf für einige Jahre einer Schreinerei, bis sie schließlich an den Bäcker Gustav Wahl kamen (Stadtarchiv Staufen, Feuerversicherungsbuch 1879, Haus 145). Wahl gab, veranlasst durch die große Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg, 1920 die Werkstatträume auf und stockte das Gebäude zu einem Zweifamilienhaus auf (Bauakte in Stadtarchiv Staufen,C 136, Nr. 746); das Wasserrecht muss in diesem Zuge erloschen sein. Kurz darauf verkaufte Wahl das Haus an die Fabrikantenfamilie Hermann Hipp (Vermerk auf der Bauakte Stadtarchiv Staufen, C 136, Nr. 746), die das Anwesen bis zum Beginn der 1990er Jahre als Wohnhaus nutzte. Die unbenutzte Schreinerwerkstatt wurde 1967 abgerissen (Stadtarchiv Staufen, E 1468/5).

Nach weiteren Umbauten und Renovierungen wird das Haus seit Mitte der 1990er Jahre von den Eheleuten Müller teilweise als Ferienwohnung betrieben (vgl. http://www.alte-messerschmiede.de, zuletzt aufgerufen am 20.2.2017).
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