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Der Gewerbekanal: Staufens alte industrielle Lebensader

Teil 4: Die Mayer-Mühle ("Herrenmühle"), Krozinger Str. 28 (Flst.-Nr. 224)

Die sogenannte „Mayer-Mühle“ lässt sich in der urkundlichen Überlieferung bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgen (Urkunde von 1359 in Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 21, U 6948). Sie war seit jeher Eigentum der Herrschaft Staufen, also zunächst der Herren von Staufen, dann des Hauses Österreich und der Herrschaften, an die Österreich die Herrschaft Staufen verpfändete oder als Lehen vergab (Herren von Schauenburg und Kloster St. Blasien); daraus leitete sich die Bezeichnung als „Herrenmühle“ ab, die zu der Mühle gehörende Wiese in Richtung Krozingen war die „Herrenmatte“. Mit dem Übergang des Breisgaus an Baden und der Säkularisation des Klosters St. Blasien im Jahr 1806 fiel die Mühle an den badischen Staat, der sie sofort versteigern ließ; seitdem ist sie in Privateigentum. Angelegt wurde die Mühle offenkundig von den Herren von Staufen, woraus sich ihre Lage unmittelbar am Fuß des Schlossbergs erklärt, ein gutes Stück außerhalb der Stadtmauern.



Die Mayer-Mühle unterhalb des Schlossbergs, Fotografie um 1890 (Vorlage: Stadtarchiv Staufen, N 738).

 

Die Besitzer der Mühle lassen sich ohne größere Lücken seit Anfang des 18. Jahrhunderts fassen. 1712 wurde die Mühle einem Matthias Koch aus Tunsel verpachtet (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 11, U 4601), der jedoch bereits 1720 verstarb, worauf für seine Witwe Maria Luceyer der Müller Johannes Riedmüller den Mühlbetrieb führte (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nr. 566). Schon 1727 gab er den Betrieb auf. Anschließend versuchte sich der Staufener Müller Joseph Duttle an dem Werk (ebd.), gab aber gleichfalls nach bereits fünf Jahren auf. Der nächste Pächter, Jakob Widmer, ein Müller aus Staufen, hielt es ebenfalls nur wenige Jahre auf der Mühle aus und setzte zeitweise einen Unterpächter ein (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nr. 566).

 

Dabei gab Wittmer an, dass er im Gegensatz zu früher kein Getreide mehr aus den Dörfern der Markgrafschaft Baden erhalte (gemeint sind wohl vor allem Ballrechten-Dottingen und Gallenweiler), da Baden die Benutzung auswärtiger Mühlen verboten habe; die Staufener Bürger zögen dagegen die der Stadt näher gelegenen Mühlen vor (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nr.566, mit Skizze von einer Reparatur des Wasserbaus im Jahr 1737). Die Beziehungen der Herrschaftsmühle in das Markgräflerland sind insofern von besonderem Interesse, weil sie wohl noch auf die Zeit der Herren von Staufen zurückgingen, die Ballrechten und Dottingen als Lehen der Markgrafen von Baden besessen hatten.

 

1739 wurde die Mühle daher an Dionysius Rosa verpachtet, der sich der anhaltend elenden ökonomischen Lage der Mühle zwei Jahre später durch eine Flucht aus Staufen entzog (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nr.566). Kloster St. Blasien verpachtete die Mühle im Anschluss an den Staufener Bürger und Krämer („Grämpp“) Joseph Dutlin (derselbe wie schon 1727–1732?), wobei man ihm eine durchgreifende Reparatur der verkommenen Gebäude versprach. Dabei waren die Gebäude nicht nur durch die häufigen Wechsel in den Vorjahren heruntergekommen, sondern lagen auch, was allerdings für ein hohes Alter spricht, zu tief in der Erde, sodass die Räume feucht waren und kaum bewohnt werden konnten (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nr. 564). In der Folgezeit geschah jedoch nichts, vielleicht wohnte Dutlin gar nicht in dem Mühlengebäude. 1752 übernahm er die Grabenmühle; ob er die Herrenmühle trotzdem weiterbetrieb oder ein anderer Pächter aufzog, ist unbekannt.

 

Vier Jahre später wurde jedenfalls ein neuer Pächter bestellt. 1756 erhielt die Mühle der Staufener Bürger Andreas Thoma in Pacht auf 50 Jahre mit dem Versprechen, dass die Herrschaft und ihre Beamten ihr Korn bei ihm mahlen lassen werden, womit man dem anhaltenden Kundenverlust gegensteuern wollte (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 11, U 4602). Nach 10 Jahren gab Thoma die Pacht auf und wechselte seinerseits auf die Grabenmühle, worauf der aus Eschbach stammende Müller Michael Halmer die Mühle mit dem nunmehr über 40 Jahre laufenden Vertrag übernahm (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nrn. 564 und 571). Immer wieder wurde betont, wie baufällig die Mühle sei. Größere Reparaturarbeiten wurden gleichwohl nicht ausgeführt.

 

Schließlich entschloss sich Kloster St. Blasien in den 1770er Jahren zu einem vollständigen Neubau, bei dem die Mühle zusätzlich zu dem herkömmlichen Getreidemahlwerk auch eine Tuchwalke erhalten sollte und damit eine gewerbliche Ausrichtung. Der Neubau der Mühle erregte 1778 in Staufen und den zur Herrschaft gehörenden Dörfern großes Aufsehen, da das Kloster von den Einwohnern Frondienste verlangte, die von den Gemeinden verweigert wurden (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nr. 228;Stadtarchiv Staufen, A 33). Angesichts des Protests der Gemeinden, die sogar Bürgerausschüsse einberiefen, wich das Kloster zurück und heuerte offenbar eigene Arbeitskräfte an. Jedenfalls konnte der Neubau, wie das Baudatum über der Haustür ausweist, noch 1778 abgeschlossen werden. Dieser Bauzustand hat sich im Wesentlichen bis heute erhalten. Die Mühle verfügte über zwei Mahlgänge, die über ein Wasserrad betrieben wurden.

 

Zusammen mit der Mühle hatte man die Walke errichtet, die dem Kloster jedoch keine Freude machte. Schon 1778 hatten die fronverweigernden Bürger darauf hingewiesen, dass die Verbindung von Walke und Getreidemühle nicht funktionieren werde, was schließlich auch die Beamten des Klosters St. Blasien einsehen mussten. Die Walke schädigte durch die Erschütterungen des Werks das Mühlgebäude und behinderte den Wasserabfluss vom Rad der Getreidemühle. Zudem erwies sich das Werk als ausgesprochen reparaturanfällig. Bereits 1795 war die Walke derart ruinös, dass das Kloster auf Bitten der Staufener Tuchmacher einen völligen Neubau etwas weiter unterhalb der Herrenmühle ausführte; es handelt sich um den bis heute bestehenden Kernbau der Fark’schen Werkstatt an der Bahnhofstraße.

 

Die Herrenmühle wurde fortan ausschließlich als Getreidemühle betrieben. Mit dem Mühlenpächter Michael Halmer, der die Mühle Ende des 18. Jahrhunderts von seinem gleichnamigen Vater übernommen hatte, war man dabei wenig zufrieden: Er gehöre der „ersten Klasse der Verschwender und Zänker“ an, beschwerte sich der Staufener Oberamtmann (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 223, Nr. 571). Das war in Staufen sicher kein Geheimnis, sodass schon seit 1804, zwei Jahre vor Ende des Pachtvertrags, Bewerbungen um die Ablösung Halmers einliefen (z.B. Bewerbung des Kornmessers Michael Rieger für seinen Sohn: Staatsarchiv Freiburg, B 741/8, Nr. 2593). Gleichwohl entschied sich Abt Berthold III. im Januar 1806 nochmals zu einer neuerlichen Verpachtungauf 10 Jahre an Halmer, wobei man ihm insbesondere seine während der Kriege mit Frankreich erlittenen Schäden zugute hielt. Anlässlich dieser Verpachtung wurde erwähnt, dass die Mühle mittlerweile zwei Mühlräder besaß, anscheinend wurde das Rad der Tuchwalke nunmehr für die Getreidemühle genutzt. Außerdem wird in dem Pachtvertrag ein oberhalb der Mühle bestehender Mühlteich genannt, der sich allerdings auf den späteren Lageplänen des 19. Jahrhunderts nicht erkennen lässt; wahrscheinlich handelte es sich bei dem „Teich“ nur um den Rückstau des Mühlwehrs. Noch im gleichen Jahr 1806 wurde das Kloster St. Blasien durch den badischen Staat aufgehoben. Baden erklärte den neuen Pachtvertrag für nichtig, da das Kloster zum Zeitpunkt der Vertragsausstellung nicht mehr handlungsbefugt gewesen sei und versteigerte 1807 das Anwesen (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 391, Nr. 37.350). Von der Versteigerung ausgenommen wurde die zur Mühl egehörende „Herrenmatte“, die im Staatseigentum blieb, bis die Stadt Staufen sie 1920 für den Bau von Wohnhäusern an der Krozinger Straße erwerben konnte.

 

Bei der Versteigerung von 1807 kam Halmer, der mitgeboten hatte, nicht zum Zug, sondern die Mühle fiel an Johannes Willi (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 391, Nr. 37.350; Staatsarchiv Freiburg, B741/8, Nr. 2593), der sie über mehrere Jahrzehnte bewirtschaftete. Schon kurz nach der Übernahme hat Willi die quer zum Wohnhaus stehende Scheune neuerrichtet, wie das Baudatum 1809 über der Scheuneneinfahrt anzeigt; Baunachweise sind aus dieser Zeit ansonsten nicht überliefert. Nach Willis Tod übernahm 1846 sein Schwiegersohn Joseph Mayer (auch: Maier) aus Grunern das Anwesen (Stadtarchiv Staufen, Güterbuch, Bd. 5, S. 304). Bemerkenswerterweise wurde der verstorbene Johannes Willi bei der Übergabe nicht als Müller, sondern als „Bauer“ bezeichnet, was darauf hinweist, dass die Kundensituation der Mühle sich wohl nicht wesentlich gebessert hatte, sondern der Haupterwerb des Betriebs in der Landwirtschaft bestand. Vielleicht war auch die Wasserkraft zu schwach, um einen größeren Mühlbetrieb aufziehen zu können.

 

Dies ist auch der Eindruck, den man in der Folgezeit von der Mühle erhält. 1851 erlaubte Mayer dem Staufener Textilfabrikanten Ludwig Groschupf (Fabrik auf dem heutigen Schladerer-Gelände), in dem Zwischenbau zwischen Wohnhaus und Scheune eine Walke einzurichten und dazu ein drittes Wasserrad am Mühlengebäude anzubringen (Staatsarchiv Freiburg, B 741/8, Nr. 2593, mit Plan).Vielleicht wurde im Zuge der Walkeneinrichtung auch der Wasserbau der Getreidemühle erneuert (so die Baualtersschätzung in Stadtarchiv Staufen, C 667).

 

Groschupf betrieb die Walke jedoch nur kurze Zeit. Schon 1858 suchte Mayer eine neue Verwendung für das zusätzliche Rad und plante die Einrichtung einer mechanischen Werkstatt, die der Mechaniker Joseph Weiß übernahm und mehrere Jahre lang betrieb, bis er 1867 eine eigene Werkstatt beim heutigen Gasthaus „Sonne“ errichtete, die die Familie Weiß auch als Gastwirtschaft übernahm (Staatsarchiv Freiburg, B 741/8, Nr. 2593; Stadtarchiv Staufen, C 259 und C 789 sowie Güterbuch, Bd. 8, S. 562). Nach einem städtischen Aktenvermerk soll Weiß zusammen mit Mayer in der mechanischen Werkstatt eine mechanische Weberei betrieben haben, doch sind von dieser Weberei weitere Nachrichten nicht überliefert (Stadtarchiv Staufen, C 259). Wie schon vom Bau der Walke ist auch für die mechanische Werkstatt ein sehr schöner Grundriss von 1858 erhalten (Staatsarchiv Freiburg, B 741/8, Nr. 2593). Die Mühle selbst besaß damals nach wie vor zwei Räder, mit denen zwei Mahlgänge angetrieben wurden.

 

1863 übergab Joseph Mayer die Mühle seinem gleichnamigen Sohn, der sich später zur Unterscheidung Joseph Anton Mayer nannte (Stadtarchiv Staufen, Güterbuch, Bd. 8, S. 562). Diesem, einem der Mitbegründer der Staufener Freiwilligen Feuerwehr, folgte 1897 Emil Martin Mayer, 1928 Josef Albert Mayer und schließlich 1968 Karl Mayer (Stadtarchiv Staufen, Lagerbuch). Emil Martin Mayer erneuerte 1898 die Wasserkraftanlage, wobei die beiden alten Wasserräder durch ein neues ersetzt wurden. Daneben bestand noch das Wasserrad der ehemaligen mechanischen Werkstatt, wie ein Lageplan aus dem Jahr 1899 ausweist (Stadtarchiv Staufen, P 81). Möglicherweise wurde im Zuge dieser Baumaßnahme auch die Mühleneinrichtung vollständig erneuert.



Mühlrad der Mayer-Mühle, Fotografie um 1950 (Vorlage: Stadtarchiv Staufen, Foto 1746).

 

Leider besitzen wir von der Baumaßnahme von 1898 keinerlei Pläne und es konnten auch weder im Staatsarchiv Freiburg noch beim Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald Pläne ermittelt werden, wie überhaupt bei den staatlichen Behörden derzeit keine neueren Wasserrechtsakten der Mühle gefunden werden konnten (Auskunft Fachbereich Umwelt im Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald vom 19.10.2015). Mayer setzte bei dem Mühlenumbau nach wie vor auf die alleinige Nutzung von Wasserkraft, während die Staufener Industriebetriebe in dieser Zeit ergänzend Dampfmaschinen und wenig später Elektromotoren beschafften. Auch ist auffallend, dass keine Turbine eingesetzt wurde, was möglicherweise an der geringen Wasserkraft lag. 1929 wurde die Wasserkraft auf 4 PS geschätzt, die sich auf zwei Räder verteilte, das 1898 neu beschaffte Rad für die Mühle und das alte Rad der mechanischen Werkstatt, das (über die bis heute erhaltene Transmissionsanlage) für die Landwirtschaft genutzt wurde (Jäger, Badischer Wasserkraftkataster: Kander, Möhlin mit Neumagen, Karlsruhe 1929, S. 58–59); als theoretisch vorhandene Wasserkraft wurden 7 PS errechnet. Die Herrenmühle war damit hinter den Mühlen Hug und Brenner, die längst auf zusätzlichen Elektrobetrieb umgestellt hatten, der kleinste Staufener Getreidemühlbetrieb.

 

So entsteht wie zu Beginn des 19. Jahrhundert das Bild eines Mischbetriebs, in dem neben der Getreidemühle die Landwirtschaft nach wie vor eine große Rolle spielte. Zudem betrieb die Familie eine Spedition, deren Rechnungsbücher erhalten sind (Depositum der Familie End im Stadtarchiv Staufen, N 1065–1073). Dieser diente wohl der Bau zweier bis heute vorhandener Wagenscheunen, zum einen um 1865 auf der Ostseite des Anwesens (zum Weingut Wiesler) sowie zum anderen 1894 auf der vom Hof gesehen linken Seite des Wohnhauses (Stadtarchiv Staufen, C 667 und C 136, Nr. 449).

 

Das Mühlgebäude selbst blieb im Wesentlichen in dem Zustand des Neubaus von 1778 sowie des Scheunenbaus von 1809 erhalten. Lediglich ein neuer Kamin wurde 1907 eingezogen (Stadtarchiv Staufen, C 136,Nr. 426). 1920 erneuerte oder vielleicht eher renovierte man das vermutlich auf die Baumaßnahme von 1898 zurückgehende Mühlwerk, in welchem Zustand der Betriebssaal sich bis heute befindet (Pläne im Privatbesitz Thomas End). Während das Mühlrad und die Mahlwerke verloren sind, haben sich große Teile des übrigen Werks erhalten, so die Aufzuganlage für das Korn, die Schrotabfüllanlage sowie zwei Sechskantsichter mit Mehlabfüllanlage. Außerdem wurde spätestens 1920 an das Mühlrad auch eine Säge in der Scheune angeschlossen, deren Transmissionsrollen gleichfalls noch vorhanden sind. 1949–1950 wurden schließlich oberhalb der ehemaligen mechanischen Werkstatt, im Zwischenbau zwischen Wohnhaus und Scheune, zwei Wohnungen eingebaut (Stadtarchiv Staufen, C 244, Nr. 1).

 

Aufgrund des Fehlens der neueren Wasserrechtsakten im Landratsamt kann leider nicht festgestellt werden, wann der Mühlbetrieb eingestellt und das Wasserrecht erloschen ist. Bereits 1960 war das Wasserrad nicht mehr vorhanden (Stadtarchiv Staufen, E 119).

 

2016 wurde der Gesamtkomplex von Thomas End von Grund auf renoviert und vier Ferienwohnungen eingerichtet.



Mayer-Mühle nach der Renovierung, 2017 (Foto: Stadtarchiv Staufen).

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