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Staufen im Krieg 1914 - 1919: Das Kriegstagebuch Rudolf Hugards aus dem Ersten Weltkrieg

Teil 2: 1914

1914 Juli 26: Am Annafest Morgen trifft die Nachricht ein, daß Serbien das österreichische Ultimatum abgelehnt habe. Die Leute stehen in der Frühe auf den Straßen beisammen und besprechen aufgeregt die drohende Kriegsgefahr.

1914 Juli 28: Kaufmann Schindler, ein Österreicher, erhält die militärische Einberufung.

1914 Juli 29: Mittwoch. Große Kriegsangst. Die Leute kaufen sich Vorräte an Mehl. Bäcker Wahl ist ausverkauft. Von Mannheim wird weder Frucht noch Mehl versandt, angeblich wegen Wagenmangel.

1914 Juli 30: Donnerstag. 9 Uhr vormittags. Es trifft die Nachricht ein, das Freiburger Infanterie-Regiment 113 sei in der Nacht alarmiert und an die Grenze geschickt worden, die Eisenbahnübergänge und Brücken würden bei Krozingen und Tunsel durch Doppelposten bewacht. Große Aufregung. Der Laden [der Familie Hugard] wird von Käufern von Colonialwaren überschwemmt. Wir kaufen 1 Zentner Mehl. Marie [Hugard, Ehefrau von Albert Hugard] erkundigt sich bei Frau Medizinalrat [Lederle], wo sie ihre Wertpapiere hinterlege. – 11 Uhr vormittags. Das Freiburger Regiment ist noch dort,nur das Bataillon in der Karlskaserne wurde heute nacht zur Bahnbewachung alarmiert. Oberamtmann Arnsperger sagt vertraulich, es fänden Truppenbewegungen statt. – 12 Uhr mittags. Albert [Albert Hugard, Bürgermeister von Staufen] und ich machen Aufstellungen der Wertpapiere. Marie teilt mit, 3 Regimenter  Württemberger seien über die strategische Bahn gekommen und über die Hüninger Brücke nach dem Elsaß transportiert worden. – 2 Uhr nachmittags. Albert reist für die Sparkasse nach Freiburg, um sich wegen des Depots der Wertpapiere zu erkundigen. – 9 Uhr abends. Wir packen unsere Papiere, um sie in Basel zu hinterlegen. Es geht das Gerücht, Deutschland habe an Rußland ein 24-stündiges Ultimatum gestellt.

1914 Juli 31: 7 ½ Uhr vormittags. Albert reist mit den Papieren nach Basel. Die Post bleibt aus, angeblich wegen des Transports hessischer Truppen nach dem Oberelsaß. – 1 Uhr nachmittags. Oberamtmann Arnsperger kommt und fragt nach Albert, er habe soeben vom Ministerium eine Depesche erhalten wegen drohender Kriegsgefahr die Bürgermeister und Ratschreiber zur Belehrung über die Mobilmachung zu versammeln, die Versammlung solle heute abend 6 Uhr auf dem Rathause stattfinden. Albert kehrt um 1 ½ Uhr nachmittags von Basel zurück. – 4 Uhr nachmittags. Oberamtmann Arnsperger telephoniert, soeben sei ein wichtiges Telegramm angekommen, Albert solle sofort kommen. – 4 ¼ Uhr nachmittags. Am Postschalter wird angeschlagen, daß der Kriegszustand erklärt sei, der Verkehr nach der Schweiz sei unterbrochen. – 4 ¾ Uhr nachmittags. Unter Trommelschlag (Trommler Obergfell) macht der Ratsdiener Seng bekannt, daß auf kaiserliche Verordnung der Kriegszustand erklärt sei. An dem Rathaustor werden die Plakate über die Verkehrseinschränkungen u.s.w. angeschlagen. Große Aufregung, weinende Frauen, mehrere Männer, Reservisten des 1. Jahrgangs, reisen sofort zu ihren Truppenteilen ab. Die Landwehrmänner älterer Jahrgänge (Röser, Hirth) gehen zur Bahnbewachung fort.

1914 August 1: Die Schweiz hat mobil gemacht. Hedwig schreibt von Breisach, man solle sie mit dem Kind [Eckart Ulmann, der spätere Staufener Bürgermeister] am 1. Mobilmachungstag mit dem Auto abholen lassen. – Mittags: Es wird bekannt, daß Deutschland an Frankreich und Rußland ein kurzfristiges Ultimatum gestellt hat. – 6 ½ Uhr abends: Soeben trifft die Mobilmachungsdepesche ein, von vielen Leuten voller Angst und Aufregung erwartet. Stürmen auf dem Rathaus, Läuten aller Glocken in der Pfarrkirche. Unter Trommelschlag macht Ratsdiener Seng die Mobilmachung bekannt: Sonntag, der 2. August ist der erste Mobilmachungstag. Frauen weinen auf der Straße. Die Schulkinder machen einen Umzug. – 7 ½ Uhr abends: Kriegstrauung unserer Nachbarin, Frl. Geisel, mit Lehramtspraktikant Faller. Man hört zum ersten Male im Elsaß schießen; es geht das Gerücht von einem Durchbruchversuch der Franzosen bei Altkirch.

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Hedwig Ulmann schreibt an ihre Eltern: "Ich möchte Euch bitten, wenn möglich am ersten Mobilmachungstag Grottenthaler mit dem Auto zu schicken ..."
(Stadtarchiv Staufen, N 257)

 

 

1914 August 2: Sonntag, 1. Mobilmachungstag. Einige Leute werden nach Freiburg zur Feuerwehr eingezogen, welche dort die Bewachung der Brunnenstuben besorgt, da man eine Vergiftung mittelst [Cholera-] Bakterien befürchtet. Um 10 Uhr treten auf dem Marktplatz die Männer an, welche von hier in die Himmelbach’sche „Stangenbeize“ [in Krozingen] beordert wurden, um mit vielen anderen Arbeitern Holz zu laden zu einem Brückenkopf bei Markolsheim. Es stehen daselbst 45 Eisenbahnwagen, von denen heute noch 20 geladen werden sollen. – 12 Uhr mittags: Abreise einer großen Anzahl einberufener Soldaten; es sind gegen 500 Personen am Bahnhof anwesend; die „Wacht am Rhein“ wird gesungen, aber es war trotzdem eine sehr ernste Stimmung.

 

1914 August 3: Montag. Heute früh sind wieder viele Einberufene abgereist, ebenso um 7 ½ Uhr, wobei wieder an der Bahn viele Leute anwesend waren, abgereist sind u.a. Gärtner Karl Riesterer, Jos. Maier, Joseph Rombach, Forstwart Seng, Bräuermeister Weltle. Beim Bezirksamt melden sich Freiwillige, u.a. Paul Bihlmann, Schreibgehilfe Käßmann, Wolf. Es heißt hier, der erste Gefallene sei der Sohn des Bürgermeisters von Pfaffenweiler (falsches Gerücht). Es geht das Gerücht, der Präsident von Frankreich sei ermordet; auf Schloß [Name unleserlich] sei eine französische Funkstation entdeckt worden usw. Albert ist in Freiburg, um für die Sparkasse Geld zu holen. Heute nacht tritt der Militärfahrplan in Kraft. Als Geheimnis wird erzählt, heute nacht würden 145 Militärzüge mit abgeblendeten Lichtern in 5-Minuten-Abständen landauf fahren.

 

1914 August 4: Dienstag. Auf unserem „Bähnle“ fahren von heute an nach jeder Richtung nur 2 Züge; nach Krozingen morgens 4 Uhr und mittags 1 Uhr; von Krozingen morgens und abends 6 Uhr. – Heute ist hier für den Amtsbezirk Staufen die Pferde- und Wagenaushebung. Der Turnplatz und alle Straßen sind mit Wagen und Pferden angefüllt. 120 Landwehrmänner führen die Tiere ab. Die Musterung dauerte von morgens 8 Uhr bis spät in die Nacht hinein. Es wurden für 300.000 Mark Pferde und Wagen gekauft. – Gestern (3. August) zeigten sich 2 französische Flieger über Krozingen; sie wurden von den Eisenbahnwachen – erfolglos – beschossen.

1914 August 5: Mittwoch. Heute sollte der Jakobi-Jahrmarkt sein. Davon ist aber nichts zu merken: kein Stand, kein einziger Händler; der Wochenmarkt ist wie an jedem andern Mittwoch in der Hauptstraße, aber auch da fehlen die fremden Einkäufer, auch der Schweinemarkt ist nicht beschickt. – Um 10 Uhr kommt die Nachricht, England habe gestern den Krieg erklärt. Große Bestürzung, die sich noch steigert, als um 11 Uhr bekannt wird, daß Italien sich der Bündnispflicht entziehe und neutral bleibe. – Um 11 Uhr kam ein Transport Pferde hier durch von Schopfheim nach Freiburg. – Als Freiwillige haben sich heute gemeldet der Kochlehrling Gillmann und Gamp II.

1914 August 6: Heute sind 20 Landwehrmänner abgegangen, darunter Alfred Rinderle, Nunnenmacher, Jung. – Um 1 Uhr nachmittags passierte landauf eine Munitionskolonne des Feld-Artillerie-Regiments 76 unser Städtchen.

1914 August 7: Es sind Feldbefestigungen errichtet worden am Tuniberg, bei Krozingen und Tunsel. – Die Stadt hat gestern die Kleinkinder- und Kochschule zu einem Vereinslazarett zur Verfügung gestellt. Gestern fand das erste große Gefecht bei Markirch [Sainte-Marie-aux-Mines] statt; es kommen davon morgen 300 Verwundete nach Freiburg. Auch heute sah man über Mülhausen Flammen; es handelt sich wohl um ein Gefecht bei [Ortsname unleserlich, Masmünster/Masevaux?], das in französischem Besitz ist. – Heute haben wir unser Schreibzimmer in den II. Stock gelegt und den ganzen oberen Stock zu Einquartierungszwecken bestimmt.

1914 August 8: Samstag. Man berichtet, es habe gestern abend ein Durchbruchversuch der Franzosen bei Altkirch stattgefunden, der zwar zurückgeschlagen worden sei, der aber den Deutschen 1000 Tote und Verwundete gekostet habe. In Mülhausen sei das Militärdepot abgebrannt, es habe dort eine große Panik geherrscht und viele Leute seien heute Nacht nach Freiburg geflohen. Hier herrscht große Besorgnis, besonders, da die Franzosen Turkos sind [Turkos: die aus Afrika stammenden französischen Soldaten]. – Auf der Bahn ist heute und morgen der Personenverkehr ganz eingestellt, es kommen große Verwundetentransporte nach Freiburg. – Heute abend erfahre ich, es hätten schon gestern nacht um 11 Uhr die im Bezirk einquartierten 113 und 114er den telephonischen Befehl erhalten, heute früh nach Eichwald abzurücken. Es scheint im Oberelsaß sehr böse auszusehen. – Um 6 Uhr abend fand die erste Sitzung des Männerhilfsvereins statt [Vorgänger des Ortsvereins des Deutschen Roten Kreuzes].

1914 August 9: Sonntag. Die Munitionskolonne des 76. Feld-Art.-Reg., die zu Wettelbrunn einquartiert war, ist heute früh unerwartet rasch alarmiert worden und abgezogen, und zwar über Neuenburg ins Elsaß. Pfarrer Trenkle von hier, der heute früh in Wettelbrunn für die Soldaten Gottesdienst und Abendmahl halten sollte, mußte unverrichteter Sache heimkehren. – Es fliegen mehrere Flieger über die Gegend. Um 9 Uhr vormittags beobachtete ich vom Stationenberg aus einen feindlichen Flieger, auf den von Krozingen aus ein fürchterliches Schießen der Bahnwachen und der dort stationierten Maschinengewehre eröffnet wurde. – Als Kriegsfreiwillige gehen morgen ab zum Telegraphenbataillon Karlsruhe: Adolf Villinger und Paul Bihlmann. – Große Sorgen: das elektrische Licht versagt! Hoffentlich haben die Franzosen nicht schon Mülhausen besetzt, woher es uns geliefert wird. – 7 Uhr abends. Man hört fürchterlichen Geschützdonner, es soll eine Schlacht im Gange sein zwischen Mülhausen und der Schweiz. – 9 Uhr abends. Die Mülhauser Lichtleitung ist zerstört! Soeben erhalten wir wieder Strom, aber aus Waldkirch, so daß die Lampen wieder wenigstens einigermaßen brennen. – Viele Leute gehen auf den Schloßberg, von wo aus man Brände in der Gegend von Mülhausen sieht. Die Geschütze donnern immer noch.

1914 August 10: Heute vormittag fand in der Turnhalle die Kontrollversammlung des Landsturms des Bezirks statt. – Mülhausen soll besetzt sein von den Franzosen, es herrsche großer Wirrwarr dort; die Franzosen hatten den Habsheimer Berg mit Geschütz besetzt, während die Deutschen im Hardwalde liegen. Im gestrigen Kampfe hätten die 169er schwere Verluste erlitten, die 9te Compagnie sei verschwunden. – Albert verbringt im Auto des Herrn Bob um 10 Uhr die Wertpapiere der Sparkasse und auch Wertsachen von uns nach Freiburg in die Banken. Dort sagt man ihm, die größte Gefahr, die gestern gedroht habe, sei bereits überwunden. – Abends: Es kommt die Nachricht, daß gestern Abend von 4 Uhr ab bis heute früh 8 Uhr ein harter Kampf zwischen Mülhausen und Neuenburg stattgefunden habe. Um ½ 5 Uhr habe Deimling mit seinem 15. Corps in den Kampf eingegriffen. Müllheim ist mit Verwundeten überfüllt; von Heitersheim und Sulzburg sind die Sanitätskolonnen abgefahren, um Verwundete nach Sulzburg zu bringen. Hier wird das Vereinslazarett rasch fertiggestellt. – Zwei Münstertäler sollen gefallen sein. – 9 Uhr abends: Albert Gysler bringt von Freiburg die Siegesnachricht, Deimling stehe schon bei Altkirch und suche die Franzosen abzuschneiden. Große Freude, aber auch große Sorge wegen der Angehörigen. Frau Hebamme Rinderle begegnet mir weinend, es heiße, einer ihrer Söhne sei gefallen.

1914 August 11: Der heutige Tag verlief ruhig wie im Frieden. Es wird jedoch vom Frauen- und Männerhilfsverein die Kinderschule als Lazarett betriebsfertig gemacht. Es zirkuliert die Sammlungsliste für das Rote Kreuz, Albert gibt 50 Mark und ich 20 Mark.

1914 August 12: Vormittags hörte man schweres Geschütz vom oberen Elsaß her; mittags brachten die Zeitungen die Nachricht, daß die Franzosen bei Belfort über die Grenze zurück seien.

1914 August 14: Das ganze 14. Armeekorps wird mit der Bahn landab befördert; es fahren eine Unmenge Züge durch Krozingen. Auch von hier gehen viele Leute dahin mit Liebesgaben. – Karl Rinderle bei Müller Mayer soll im Elsaß durch einen Sturz vom Pferd oder einen Schuß schwer verwundet sein; auch Helmuth Thilo ist verwundet.

1914 August 15: Es waren gestern 160 Militärzüge, die landab durch Krozingen fuhren und ebensoviel leere landauf; heute wieder derselbe Transport. Heute hörte man wieder viel Schießen, was neue Beunruhigung erzeugt. – Karl Rinderle soll tot sein (1. + [der erste Gefallene]). – In Mülhausen erwartet man von neuem die Franzosen, die von Tann her im Anmarsch seien. In mehreren Extrazügen wurden die Beamtenfamilien fortgebracht, so ging heute ein ganzer Zug mit Kindern nach Freiburg. Am Abend trafen auch hier viele Mülhauser altdeutsche Familien hier ein, die in Wirtshäusern Unterkunft suchten. Neue Sorgen! P.S.: Karl Rinderle ist am 10. August gefallen.

1914 August 16: Heute, Sonntag, fand ganz unerwartet eine zweite Kriegsmusterung der Pferde des Bezirks statt; es sollen 155 Pferde gekauft werden. In Krozingen ist sehr viel Einquartierung, besonders Landwehr.

1914 August 17: Eine traurige Nachricht! Die Deutschen habe das Elsaß ganz geräumt und es den Franzosen überlassen. Die aktiven Truppen sind abgezogen und der Rhein, der stark befestigt ist, soll von der Landwehr gehalten werden. In Grißheim sind 3000 Mann. Herbert Schmitt liegt in Mülhausen im Lazarett mit einem Schuß in der Schulter, er ist jetzt wohl kriegsgefangen. – Heute mittag haben die Bäcker 500 Laib Brot gebacken, das nach Grißheim geführt wird.

1914 August 19: Heute war Albert in Freiburg, um Colonialwaren zu kaufen: er erfuhrt dort, daß das Elsaß jetzt wieder ganz von unseren Truppen besetzt sei. Wir haben uns also umsonst geängstigt. – Hiesige Fräulein halten eine „Kriegskinderschule“ in der Bürgerschule, ich habe ihnen heute im Wochenblatt eine Danknotiz geschrieben.

1914 August 20: Neue Angst! Unser Landwehrregiment und Artillerie ist in Mülhausen in eine Falle geraten und dezimiert worden. In Breisach wurde heute die bevorstehende Belagerung bekannt gegeben.

1914 August 21: Siegesnachrichten, vormittags 10 Uhr: Brüssel eingenommen und abends ½ 5 Uhr große siegreiche Schlacht bei Metz. Zum ersten Male haben wir geflaggt und große Freude herrscht überall. Um 2 Uhr kam die telegraphische Nachricht, daß das Lazarett zur Aufnahme Verwundeter bereit sein solle und um 5 Uhr stellte sich die Sanitätskolonne mit Bahren und Wagen im Bahnhof auf. Verwundete sind aber nicht gekommen.

1914 August 22: Heute war hier die „Kriegsmusterung der ausgehobenen und der zurückgestellten Mannschaften“. – Auch heute war beflaggt wegen des Sieges bei Metz; am Morgen brachten die Offiziere die Nachricht, es gebe 67.000 Gefangene, großer Jubel und demgemäß am Nachmittag Enttäuschung, als die offiziellen Telegramme von 10.000 Gefangenen berichteten. – Von 1 Uhr nachmittags bis abends 8 Uhr wieder heftiges Schießen im Elsaß, was auf ein großes Gefecht deutet. – Abends gehen regelmäßig Leute auf den Schloßberg, um das Feuer der Scheinwerfer und Leuchtkugeln zu betrachten.

1914 August 23: Heute vernahm man keine Schüsse, es geht das Gerücht, die Franzosen ziehen sich aus dem Elsaß zurück. Von hier sind gegenwärtig 116 Mann im Felde, bezw. Eingezogen, davon sind 56 verheiratet. – Bei Metz wurde leichtverwundet der jüngste Lang und die Lehrer Oberle und Waldmann; bei Mülhausen der Briefträger Hug.

1914 August 25: Vom 76. Feld-Artillerie-Regiment kam heute die Nachricht, daß Karl Rinderle in der Schlacht bei Mülhausen wirklich gefallen sei; er, ein Trompeter, erhielt den tödlichen Brustschuß, als er neben seinem Leutnant ritt. Bei Metz wurde ferner verwundet Landwirt Hug und Joseph Maier „Zur Krone“. Vom 110. Landwehrregiment soll ein hiesiger Mann gefallen sein, doch erfährt man keinen Namen. – Das Vereinslazarett ist noch nicht besetzt; nach Sulzburg kamen dagegen gestern 50 Verwundete.

1914 August 26: Zum ersten Male brennen wieder die Bogenlampen. Die Notlieferung von Strom aus Waldkirch ist jetzt besser, da das Werk dort in aller Eile erweitert wurde.

1914 August 27: Die deutschen Siege im Norden zwingen die Franzosen, das Elsaß zu räumen. Seit vorgestern verlassen sie Mülhausen und die vertriebenen altdeutschen Beamten und Einwohner, von denen auch viele hier wohnen, kehren zurück. – Vermißt wird auch der Bäcker Hermann Rinderle hier. Von Krozingen ist 1 Mann gefallen und 1 verwundet.

1914 August 28: Heute herrschte großer Jubel, da die Zeitungen viel über die Erfolge in Nordfrankreich und ein Telegramm, das um ½ 4 Uhr angeschlagen wurde, einen Siege über die Engländer brachten. Die Häuser wurden beflaggt, zum 2. Mal in diesem Kriege. – Im Elsaß sollen zwei französische Armeekorps wieder vordringen und unserer Landwehr soll bereits über den Rhein zurück sein. Bei den großen Erfolgen im Norden macht das uns aber keine Sorgen.

1914 August 29: Die Musterung des Landsturm, 17 – 45 Jahre, findet heute und morgen hier statt für den Bezirk Staufen. Um ½ 8 Uhr wurde die erste Hälfte der Orte nach Jahrgängen aufgestellt vor der Festhalle und mit dem jüngsten Jahrgang beginnend wurde darin die Musterung gehalten. Es wurden fast alle für tauglich erklärt. – Gestern sind Fritz Wallraff und Karl Herzog bei den 113ern als Kriegsfreiwillige eingetreten; Karl Mußler vorgestern ebenso. – Landwehrmann Röser teilte heute abend seiner Frau mit, daß sein Regiment eingeladen werde; er war bsiehr bei der Bahnwache in Norsingen.

1914 August 30: Heute, Sonntag, wurde das Landsturm-Ersatzgeschäft, darunter auch Staufen, beendet. – Als Kriegsfreiwillige sind nunmehr gegen 25 junge Leute von hier fortgegangen. Lehrer Dufner ist bei den 113ern auf dem Heuberg; Metzgerlehrling Köninger (16 ¾ Jahr alt!) geht morgennach Karlsruhe zur Artillerie.

1914 August 31: Albert und Marie waren heute in Neuenburg. – Hier geht das Gerücht, Brunnenmeister Weltle vom 76. Feld.-Art.-Reg. Und der Kraftfahrer Seger seien gefallen. – Heute haben wir zum dritten Mal geflaggt wegen des Siegs an den Masurischen Seen.

1914 September 2: Weltle (siehe oben) ist gesund, er hat heute geschrieben; auch Seger lebt; dagegen liegt in Saarburg der Soldat Brenner ob der Grabenmühle schwer verwundet (Bauchschuß) darnieder. – Heute kamen die ersten 20 Verwundeten ins hiesige Vereinslazarett. Sie trafen mit der Bahn um ½ 3 Uhr ein, empfangen von der Sanitätskolonne und einer großen Menschenmenge. – Soeben, ½ 11 Uhr nachts, erhält unsere Nachbarin, Frau Geisel, eine Wolff-Depesche von der siegreichen Schlacht des Kronprinzen bei Reims und Verdun; morgen wird wieder geflaggt!

1914 September 4: Den ganzen Tag hörten wir wieder heftigen Kanonendonner aus der Gegend hinter Kolmar. – Heute wurde bekannt, ein Sohn des Fabrikarbeiters Böhler sei gefallen (auch diese Todesnachricht, wie so viele andere, die große Aufregung erweckten, erwies sich später als falsch). – Im Münstertal wurde heute ein Unteroffizier, ein Großsohn der „Dorothe“, beerdigt, der in Karlsruhe im Lazarett an seinen Wunden gestorben ist, acht Leichtverwundete aus dem hiesigen Lazarett beteiligten sich an der Beerdigung.

1914 September 5: Um ½ 3 Uhr nachmittags fuhren 50 Leichtverwundete ins Genesungsheim nach Sulzburg, die aus der Gegend von Lunéville kamen. Es waren viele Leute mit Liebesgaben am Bahnhof.

1914 September 6: Da die größte Gefahr vorbei ist, hat Alfred Ulmann seine Frau, unsere Hedwig, mit dem kleinen Eckart wieder nach Breisach zurückgeholt. – Forstwart Seng ist verwundet.

1914 September 8: Abends 6 Uhr kommt das Telegramm, Maubeuge sei gefallen, es wird alsbald geflaggt. – Es wird bekannt, daß von Krozingen gefallen sind der Sohn des Adlerwirts Daiger und der Lehrer Zeller, ein Sohn unseres Vetters Franz Zeller vom Glöcklehof. Es sind schon vier Krozinger gefallen.

1914 September 10: Aus dem Lazarett sind heute die ersten 6 Verwundeten entlassen worden; es sind dafür neue gekommen. – Den ganzen Tag hört man aus dem Elsaß schwere Schüsse, die Franzosen suchen aus den Tälern herauszudringen.

1914 September 11: Auch heute den ganzen Tag Kanonenschüsse im Oberelsaß, es scheint, daß Belfort belagert wird. – Der schwerverwundete Soldat Karl Brenner ist im Lazarett zu Saarburg gestorben, er wird dort begraben. Der Leichtverwundete Artillerist Joseph Maier ist hier. (P.S.: Brenner ist am 8. September gestorben, 2. + [der zweite Gefallene]).

1914 September 13: Heute früh kam eine Siegesbotschaft aus Ostpreußen, sie wurde aber kühl aufgenommen, da man mit Sehnsucht Nachrichten von der Schlacht an der Marne erwartet; gestern sollen 400 Verwundete von dort nach Freiburg gekommen sein. Abends ½ 10 Uhr: es geht das Gerücht, Épinal sei gefallen.

1914 September 14: Die Elsäßer Familien, die seit 4 Wochen hier als Flüchtlinge geweilt haben, sind heute heimgekehrt. – Henri Fischesser aus Paris ist schwerverwundet in deutsche Gefangenschaft geraten; seine Eltern bitten um Nachforschung. N.B.: nicht verwundet [?, schwer leserlich].

1914 September 16: Heute sind die ersten Landsturmmänner von hier – 4 Mann – eingezogen worden. Unser Vetter Zeller von Krozingen (s.o.) soll nicht gefallen sein, er wird aber vermißt. – Man ist hier sehr in Sorgen wegen der Schlacht an der Marne.

1914 September 17: Der Bürgerausschuß bewilligte heute einstimmig 10.000 Mark für Kriegszwecke. – Heute erhielten abermals 2 gediente Landsturmmänner ihre Einberufung.

1914 September 19: Immer noch keine Nachricht von den Schlachten in Nordfrankreich; es herrscht eine gedrückte Stimmung, da die Schweizer Zeitungen von einer großen Rückzuge in Frankreich und den Vogesen berichten. – Vom Münstertal sind schon 6 Männer gefallen. – Auch hier ein neuer Toter: der Knecht Reinhold Pfefferle bei Gaß, ein braver, junger Mann, der verheiratet war, ist im Lazarett gestorben, nachdem ihm vorher beide Beine abgenommen worden waren (+ am 21. August, 3. + [der dritte Gefallene]).

1914 September 20: Mittags kommt von Mülhausen das Telegramm, das „heute, morgen oder in den nächsten Tagen“ 1 Offizier, 4 Unteroffiziere und 1000 Landstürmer nach Staufen ins Quartier, mit Verpflegung, kommen werden. Nach Müllheim, Sulzburg, Heitersheim, Krozingen und Schallstadt kommen ebenfalls je 1000 Mann Landstürmer aus dem Oberelsaß.

1914 September 21: Heute abend 7 ½ Uhr sind die gestern angemeldeten Mülhauser Landstürmer ganz unerwartet eingetroffen und um 9 Uhr bezogen sie ihre Quartiere. Sie kamen von Mülhausen mit der Bahn nach Krozingen und zu Fuß hierher. Wir erhielten 11 Mann ins Quartier. Im Ganzen sind heute 17.000 Landstürmer von Mülhausen abgegangen. Eschbach, Tunsel, Ehrenstetten, Wettelbrunn, Gallenweiler usw. erhielten auch Einquartierung.

1914 September 22: Die Elsäßer Einquartierung mußte heute früh 9 Uhr und mittags 2 Uhr auf dem Turnplatz antreten; um 3 Uhr kamen 250 Einquartierte von Gallenweiler zum Besuch. Es sind alle Stände vertreten; ich habe u.a. im Quartier den Fabrikdirektor Kayser aus Amiens, Sohn eines Elsäßer Postmeisters; bei Albert sind einquartiert: Dr. Silberzahn, Professor der technischen Schule, und Dr. Siebert, Realschulprofessor, beide aus Mülhausen.

1914 September 23: Zum Commandeur der neuerrichteten „Landsturmformation Staufen“ ist Oberstaatsanwalt und Hauptmann d.R. Kärcher ernannt. Heute machte sie die ersten Ausmärsche, übermorgen ist Musterung.

 

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Menschentrauben bei der Zeitungslektüre vor der Buchdruckerei des "Staufener Wochenblatts" am 24. Sept. 1914 (Stadtarchiv Staufen, N 679).

 

1914 September 26: Heute vormittag traf die Trauernachricht ein, daß Joseph Rombach, Reservist im 76. Feld-Art.-Regiment am 20. September gefallen ist (4. + [der vierte Gefallene]). Er war gerade (bei Regnéville) bei einer Munitionskolonne, als eine Granate einfiel; ein Granatsplitter traf sein Rückgrat und nach 4 Stunden Qualen verschied er. Er wurde am letzten Mittwoch – wie der Kriegsfreiwillige Gamp mitteilte, begraben. Die Elsäßer hatten heute in der Schule Musterung. Es ist noch kein Ende abzusehen, wie lange sich hier noch bleiben.

1914 September 28: Die Musterung der Elsäßer wurde heute fortgesetzt (Sonntag), von unseren 11 Landstürmern wurden drei entlassen: zwei dürfen heimkehren, der Fabrikdirektor darf nach Norddeutschland in eine neue Stellung. Alle drei sind heute abgereist, dagegen sind bei uns eingetroffen die Frauen von zwei Landstürmern mit einem Kind, die ebenfalls bei uns wohnen und essen, da in den Wirtshäusern keine Unterkunft zu finden ist.

1914 September 30: Die Mülhauser Frauen, die vorgestern eingetroffen, sind heute wieder abgereist; dagegen sind dieEltern eines jungen Elsässers eingetroffen, die ebenfalls bei uns wohnen. – Kanonier Maihofer hat seinen Eltern heimgeschrieben, er habe das Grab des Joseph Rombach eine halbe Stunde nach der Beerdigung besucht, da habe eine Granate dasselbe getroffen, so daß die Leiche wieder herausgeschleudert worden sei. – Lehramtspraktikant Keller, der vor 8 Tagen einen Schenkelschuß erhalten hat, liegt in Metz im Gipsverband.

1914 Oktober 1: Heute ist ein Wachkommando von 10 Mann, uniformierte Landsturmmänner aus Freiburg, eingetroffen, sie tragen feldgraue Uniform, aber dreierlei Kopfbedeckung, Helm, Tschako und Landsturm-Wachstuchmütze mit dem Eisernen Kreuz. Mit Ausnahme des Unteroffiziers sind sie alle aus unserem Bezirk.

1914 Oktober 4: Endlich scheint ein Ende unserer Einquartierung in Aussicht zu sein. Eine Anzahl Bauern durfte ins Elsaß zurück; die anderen sollen am Dienstag verlegt werden.



Lazarett im Anna-Hof auf dem Rempart, 4. Okt. 1914 (Vorlage:
Stadtarchiv Staufen, Fotosammlung, 0222).

1914 Oktober 6: Heute sind zwei unserer Elsässer heimgekehrt: Dr. Kieler und Dr. Silberzahn, zwei Erzfranzosen. Auch zwei Frauen, die seit zwei Tagen sich bei uns einquartiert hatten, sind wieder fort. – Es wird mitgeteilt, daß „in 1 bis 2 Tagen“ die Elsässer weggelegt werden. – 8 ½ Uhr abends: Soeben wird von der uniformierten Landsturmwehr, die seit ihrem Hiersein nachts die Wache vor dem Rathaus bezieht, Alarm geblasen: den Elsäßern wird mitgeteilt, daß sie morgen früh 5 Uhr zum Abmarsch antreten müssen, sie sollen um 7 Uhr in Heitersheim verladen werden.

1914 Oktober 7: Unsere „Landsturmformation Staufen“ ist heute früh abgezogen und kommt nach Straßburg; sie führt nunmehr den Namen: 4. Oberelsäßisches Landsturmbataillon Straßburg. Unsern Landstürmern, die nicht wußten, wohin sie kommen, ist der Abschied schwer gefallen.

1914 Oktober 10: Seit vorgestern haben wir Herbst, so lange wir in den Reben waren, haben wir den Donner der Geschütze. – Heute haben wir nach langer Pause wieder geflaggt: Antwerpen ist gefallen.

1914 Oktober 15: Seit einigen Tagen geht hier das Gerücht, es sei ein Soldat, namens Müller von hier, gefallen (5. + [der fünfte Gefallene]. Wir wollen hoffen, dass das Gerücht auch diesmal nicht wahr ist (P.s.: Es ist ein Sohn des verstorbenen städtischen Straßenwarts). – Heute war unser Vetter Franz Zeller von Krozingen hier, der uns sagte, daß sein Sohn Hermann (siehe oben) wirklich in der Schlacht von Saarburg gefallen sei; jetzt erst hat er die amtliche Nachricht erhalten.

1914 Oktober 25: Heute, Sonntag nachmittag, war die erste Versammlung der Jugendwehr in der Turnhalle; sie soll die jungen Leute von 16–20 Jahren militärisch vorbilden. Die Stimmung hiefür ist nicht gerade begeistert, man hält sie für überflüssig.

1914 Oktober 26: Schon wieder ein Gefallener: Lehrer Oberle von der Bürgerschule, ein sehr tüchtiger und beliebter Lehrer, ist am 14. diesen Monats bei Auchy in Nordfrankreich gefallen, ebenso Bierbrauer Schelb, Emil, Sohn des ehemaligen Güllebauers [?] Schelb im Bötzen (6., 7. + [der sechste und siebte Gefallene]).

1914 Oktober 30: Große Freude erweckt der Anschlag der Wolf-Depesche: die Türkei habe den Krieg erklärt. – Die Belagerung von Belfort soll begonnen haben.

1914 Oktober 31: Der Reservist Hermann Rinderle (Wilhelms Sohn), der seit dem 8. August verschollen war, hat geschrieben. Er wurde nach der Eroberung von Mülhausen von den Franzosen dort nach Besançon gebracht, wo er sich im St.-Jakob-Hospital in guter Pflege befindet, er dürfe jetzt nachmittags das Bett verlassen.

1914 November 2: Heute tritt nach vierteljähriger Unterbrechung wieder ein „Friedensfahrplan“ in Kraft; er ist aber noch kümmerlich genug. Unsere Bahn hat nur 4 Züge nach jeder Richtung. Die Bahnbewachung der Staatsbahn, die zuletzt von Kavalleristen (ohne Pferde) besorgt wurde, wird jetzt eingezogen.

1914 November 7: Einige Mitglieder der Sanitätskolonne (Trenkle, Wagner) müssen vorläufig für 3 Monate als Sanitäter ins Feld. – Der Reservist Zimmermann Wiesert, Sohn der „Wiesert Marie“, hat als erster gebürtiger Staufener das Eiserne Kreuz erhalten; er ist Zimmergeselle in Bruchsal und Erz-Sozialdemokrat. – Der 113er Soldat Maihofer, der als krank hier weilte, wurde gestern verhaftet, er soll sich eigenmächtig von seiner Truppe entfernt haben, in der Verlustliste wurde er als „vermißt“ aufgeführt. – Die Jugendwehr zählt 45 „Mann“ und übt regelmäßig Sonntag unter der Oberleitung des Turnwarts und Fabrikanten Groschupf.

1914 November 11: Heute war Martinimarkt. Im Gegensatze zum Jakobimarkt, der ganz ausfiel, war der heutige Markt gut besucht. Wohl fehlte etwa die Hälfte der fremden Händler, da ja viele im Felde stehen, der Besuch aus der Umgebung war dagegen sehr stark und die Verkäufer waren alle vom guten Absatze sehr befriedigt. – Seit vier Tagen gibt es hier kein Petroleum mehr, wegen der fehlenden Zufuhr. – Nach einer neuen Aufstellung sind gegenwärtig von hier 69 Ehemänner unter den Waffen.

1914 November 15: Mehrere gediente Landsturmmänner haben heute ihre Einberufung erhalten, darunter Zimmermeister Hochsticher, ferner eine Anzahl diesjähriger Rekruten.

1914 November 18: Alfred Schladerer hat als zweiter Staufener das Eiserne Kreuz erhalten, er hat sich im Lahrer Artillerieregiment bei Lille ausgezeichnet. – Friseurmeister Kirchner, Reservist im 110. Inf.-Reg., wurde durch einen Schuß in den Hals schwer verwundet. – Der Kriegsgefangene Hermann Rinderle (siehe oben) hat geschrieben, er sei in Altkirch von einem Fräulein Rosaline Tschaine gepflegt worden, die gesagt habe, sei sei mit uns verwandt!

1914 November 21: Schon wieder ist ein gebürtiger Staufener gefallen: Fritz Thilo, der jüngste Sohn des früheren hiesigen Oberförsters und jetzigen Forstrats Thilo. Beim Kriegsbeginn trat er als 17-jähriger Kriegsfreiwilliger ein. Heute früh war eine Compagnie Soldaten von Müllheim hier, darunter waren auch viele 16- und 17-jährige Knaben. Welch ein Fehler, solche junge Leute anzunehmen, da noch nicht einmal alle Rekruten vom Frühjahr eingezogen sind.

1914 November 25: - Der jüngste Sohn des Sägers Lang hat das Eiserne Kreuz erhalten. Gestern und heute war hier abermals Pferde- und Wagenaushebung. Es wurden so hohe Preise bezahlt, daß das Angebot die Nachfrage weit überwog. Wie wird es aber im Frühjahr aussehen, wenn die Pferde fehlen? – Die Zahl der verheirateten Soldaten aus Staufen beträgt jetzt 75.

1914 November 27: Heute und in den letzten Tagen hat der Frauenverein jedem hiesigen Soldaten (ca. 180 Mann) ein Paket Liebesgaben zu Weihnachten gesandt, darunter sind auch 3 Kriegs-Lieutenants: Postassistent Karl Hog, Lehrer Emil Noll und Prokurist Hans Mahler. – Hauptlehrer Karcher ist auch einberufen worden.

1914 November 30: Wieder zwei Eiserne Kreuze an Staufener: 1. an den Leutnant und Hauptlehrer Emil Noll, Sohn des verstorbenen … [1 Wort unleserlich] gleichen Namens und 2. an den Fabrikarbeiter Benjamin Gutmann, genannt „Taberbenny“. – Franz Haas von hier, Blechner in Erstein, liegt an einer Armwunde in einem Berliner Lazarett.

1914 Dezember 2: Auf dem Wochenmarkt gilt 1 Ei 15 Pfennig, 1 Pfund Butter 1,40 Mark. Petroleum ist immer noch nicht zu haben.

1914 Dezember 4: Tag für Tag Geschützdonner im Elsaß. Die deutschen Truppen sollen die Franzosen zurückgedrängt haben, Tann und das Münstertal seien wieder frei. Gestern kamen 200 Schwerverwundete nach Freiburg. – Handelslehrer Robert Fürst von hier hat das Eiserne Kreuz erhalten.

1914 Dezember 5: Die hiesige Jugendwehr zählt jetzt 40 Mann. Seit heute besitzen die jungen Leute Uniformmützen, die Fabrikant Bob gestiftet hat, die Offiziere (Fabrikant Groschupf, Fabrikant Hipp und Pfarrer Trenkle) tragen Litewken [zweireihige Uniformjacke]. Heute abend wurden mehrere hundert Gefangene aus dem Elsaß nach Freiburg gebracht, aber auch 400 Verwundete.

1914 Dezember 9: Der jüngste Sohn des Landwirts Gamp, 17 Jahre alt, ist Kriegsfreiwilliger geworden. Da seine beiden älteren Brüder (22 und 18 Jahre) bereits im Feld sind, verweigerten die Eltern die Erlaubnis, er hat sich darauf heimlich entfernt und ist auch ohne Papiere angenommen worden. – Heute nachmittag sah ich, wie ein feindlicher Flieger von Breisach aus beschossen wurde, man konnte die Schrapnellwölkchen gut sehen.

1914 Dezember 10: Drei Flieger haben gestern in Freiburg Bomben geworfen. Großer Schaden wurde aber nicht angerichtet. Zu Rimsingen und Grezhausen mußten die Leute von den Feldern fliehen wegen der herabfallenden Geschosse der Abwehrgeschütze.

1914 Dezember 13: Ein vom Frauenverein abgesandtes Weihnachtspaket ist heute als unbestellbar zurückgekommen: „Adressat Franz Balzer gefallen.“ (8. + [ der 8. Gefallene]). Sonst ist hier davon, auch nicht bei seinen Eltern, Rebleuten, nichts bekannt; er war schon seit 10 Jahren fort von hier.

1914 Dezember 14: Da Generalissimus Joffre gegenwärtig in Belfort weilt und einen großen Sieg in den nächsten 14 Tagen versprochen haben soll, herrscht hier wegen der Kämpfe bei Altkirch viel Besorgnis; zu Besancon, hinter Belfort, sollen 4 Armeekorps zusammengezogen sein. – Gestern haben wieder Flieger in Freiburg Bomben geworfen und großen Schaden in Unterlinden angerichtet.

1914 Dezember 15: Vom Ministerium ist die Nachricht gekommen, daß in den badischen Lazaretten 26% der Betten unbelegt seien und daß die mindergeeigneten Lazarette geschlossen werden sollen. Unter diesen befindet sich als „ungeeignet“ das hiesige Vereinslazarett zu 20 Betten in der Kleinkinderschule. Es soll Ende dieses Monats geschlossen werden.

1914 Dezember 16: Franz Faller, Sohn des Webermeisters Faller, hat in Nordfrankreich das Eiserne Kreuz erhalten. – Ein Sohn des Freiherrn von Landenberg auf Leisacker wird vermißt; Anwalt Lederle hier wurde beauftragt, es seinem Vater schonend beizubringen (P.s.: ist kriegsgefangen).

1914 Dezember 18: Die Nachricht von einer großen, siegreichen Schlacht in Polen ist eingetroffen; es geht das Gerücht, es seien 200.000 Russen gefangen. – Die Jugendwehr machte aus diesem Anlaß heute abend 9 Uhr einen Umzug und auf dem Marktplatz hielt ihr Kolonnenführer, Pfarrer Trenkle, eine patriotische Ansprache.

1914 Dezember 19: Zur Feier des Sieges in Polen haben wir heute geflaggt – post festum –, da dies an den anderen Orten schon gestern geschehen ist. Aus diesem Anlaß sind die Schulen heute geschlossen, zum erstenmal in diesem Krieg.

1914 Dezember 22: Heute Vormittag flog ein feindlicher Flieger landab. Ich sah, wie er von Müllheim aus beschossen wurde.

1914 Dezember 25: Weihnachtstag. Es sind viele Urlauber hier; Feldgraue vom Felde und besonders aber viele Rekruten und Ersatzreservisten aus den Garnisonen. – Man hört wieder viel Schießen im Elsaß.

1914 Dezember 26: Die ganze Nacht unaufhörlicher Kanonendonner. – der jüngste Sohn des Landwirts Gamp, der heimlich als Kriegsfreiwilliger eingetreten ist (s.o.), ist von seinem Vater vom Regiment heimgeholt worden.

1914 Dezember 28: Frau Bassermann-Scipio vom Roten Hof hier, die schon vor 4 Wochen ihre Einquartierungsentschädigung für die Elsäßer im Betrag von 400 Mark dem Ortsausschuß vom Roten Kreuz hier überwiesen hat, hat heute neuerdings je 100 Mark dem Roten Kreuz, dem Frauenverein, dem Lazarett sowie 50 Mark dem Spital gesandt. – Prokurist und Leutnant Hans Mühle hat wegen bewiesener Tapferkeit bei der Wiedereroberung von Steinbach bei Thann das Eiserne Kreuz erhalten. – Auch der gefallene Joseph Rombach war zum Eisernen Kreuz eingegeben.

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