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Staufen im Krieg 1914 - 1919: Das Kriegstagebuch Rudolf Hugards aus dem Ersten Weltkrieg

Teil 3: 1915

1915 Januar 1: Der Frau Zimmermeister Bihlmann Witwe wurde vom Regiment mitgeteilt, daß ihr ältester Sohn, der Mechaniker und Reservist Emil, verschollen sei; er sei aus dem Gefecht nicht zurückgekommen, ob er verwundet in Gefangenschaft geraten oder, da das Kampfgelände an der Yser unter Wasser gesetzt wurde, ertrunken sei, das sei unbekannt (siehe 1915 April 28).– Der Ortsausschuss vom Roten Kreuz, der gegenwärtig 3800 Mark in seiner Kasse hat, hat vorgestern, und der Gemeinderat gestern beschlossen, in die Kriegsversicherung jeden verheirateten Krieger mit je 10, zusammen also 20 Mark einzukaufen, sollte einer fallen, so würde die Witwe etwa 500 Mark erhalten. (P.s.: Obgleich das Ganze eine große Ausgabe war, so ernteten die Schenker doch keinen Dank, da niemand an diesen Fall gemahnt sein wollte; die später eingezogenen Männer wurden nicht mehr versichert). – Heute geht das Gerücht, bei den Kämpfen um die Steinbacher Höhe im Elsaß sei der Zimmermeister Otto Hochsticher gefallen. (P.s.: Das Gerücht war falsch.) Die Orte von Freiburg aufwärts bis Kirchhofen haben Elsäßer Familien aus Seeheim, Steinbach und anderen Orten, die geräumt werden mußten, als Einquartierung erhalten.

1915 Januar 2: Das Vereinslazarett ist heute geschlossen worden, die Insassen wurden nach Freiburg genommen.

1915 Januar 7: Die Kämpfe um Steinbach dauern immer noch an, und unaufhörlich dröhnen die schweren Schüsse.

1915 Januar 10: Heute, Sonntag, um 10 Uhr, beginnt die Aushebung der Rekruten des Jahres 1915, da für die Zurückgestellten bereits im August die Aushebung stattgefunden hat, beträgt die Zahl der Leute nur etwa 250 Mann. – Auf dem Heuberg wird gegenwärtig ein neues Revervekorps aufgestellt, dazu kommt von hier der Kriegsfreiwillige Joseph Köninger. – Das Eiserne Kreuz erhalten: der Landwirtssohn Albert Eichenlaub und Rudolf Fürst, Sohn des Bildhauers Fürst.

1915 Januar 12: Seit 3 Tagen ist es still im Elsaß. Es bereitet sich jetzt Größeres vor: die Franzosen haben ihre Linienregimenter nach Belfort zurückgenommen, und bei Mülhausen sammelt sich eine große deutsche Armee, die Belfort angreifen soll. Gestern wurde den Soldaten mitgeteilt, der Kronprinz habe das Kommando übernommen. Das Hauptquartier ist in Homburg [Hombourg, Dep. Haut-Rhin], und bei Bellingen und Schliengen führen Brücken über den Rhein.

1915 Januar 17: Gestern war in Freiburg vor dem Kriegsgericht die Verhandlung gegen den Monteur Robert Maihofer von hier wegen Desertion vor dem Feinde. Der Staatsanwalt beantragte 12 Jahre Zuchthaus; auf Antrag des Verteidigers, Anwalt Fehrenbach, wurde er jedoch der Irrenklinik behufs Untersuchung des Geisteszustands überwiesen. (P.s.: Er erhielt in einer späteren Verhandlung 6 Wochen Arrest und ist jetzt Musiker im Freiburger Ersatzbataillon 113! Jan. 1916.)

1915 Januar 23: Heute war hier aus Anlaß der „Reichswollwoche“ eine Sammlung von Webstoffen, die zur Herstellung von Soldatendecken noch brauchbar sind. Es wurden von 10–12 Uhr im Sammlungsraum, Spritzenhaus No. 2 hinter dem Rathaus, 10 große Kisten voll Wollsachen abgegeben. – Gendarm Heiß, zur Zeit Feldgendarm, hat das Eiserne Kreuz erhalten. Gestern kamen durch Krozingen 10, heute 7 Militärzüge, alle ins Oberelsaß.

1915 Januar 27: Kaisers Geburtstag wird nur mit dem üblichen Gottesdienst gefeiert; alle anderen Veranstaltungen fallen aus.

1915 Januar 28: Auch die Amerikaner nehmen an unserem Kriege Anteil. Der Staufener „Dr.“ Andreas Faschian in Oakland hat durch Herrn Franz Riesterer an die Gemeinde 400 Mark geschickt zum Verteilen an Witwen gefallener Krieger dahier. Faschian, aus allerärmsten Verhältnissen stammend, war vom 16. – 18. Jahr päpstlicher Soldat; im Krieg 1870 Unteroffizier beim Infanterie-Regiment 113.

1915 Januar 29: Färber Franz Diez, Sohn eines Fabrikarbeiters, hat das Eiserne Kreuz erhalten; Robert Fürst, Handelslehrer, das bayerische Verdienstkreuz II. Klasse.

1915 Januar 31: Durch die Absperrung durch England tritt die Frage der Getreideversorgung in ein kritisches Stadium. Bei der gestern in Offenburg deswegen abgehaltenen Vorstandsitzung der mittleren Städte wurde vertraulich mitgeteilt, daß trotz der bereits erfolgten Einschränkungen die Getreidevorräte nur bis Ende März reichen. – Heute, Sonntag vormittag ½ 10 – ½ 1 Uhr, war auf dem Rathause eine Bürgermeisterversammlung, wobei ein Mehllieferungs- (Communal-) Verband [Kommunalverband] für den Bezirk gebildet wurde, dem die Verteilung der zugewiesenen Mehlvorräte obliegt. In Anbetracht dieses bevorstehenden Mangels hat der Gemeinderat heute abend 5 Uhr in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen, noch heute abend telegraphisch einen Waggon von 200 Zentner Mehl zu kaufen, da heute Nacht die Sperre eintritt. – Die neugebildete Elite-Division auf dem Heuberg kam gestern ins Feld. (P.s.: nach Ostpreußen, wo ihr der berühmte Durchbruch gelang.)

1915 Februar 3: Heute fand die erste Sitzung des neuen Mehlversorgungsverbands statt. Vorsitzender ist Oberamtmann Arnsperger, Mitglieder: 4 Bezirksräte, ein Vertreter der Gemeinden: Bürgermeister Albert Hugard, ein Vertreter der Landwirtschaft: Julius Hauser, ein Vertreter des Handels: Albert Gyßler hier, ein Vertreter der Konsumenten: Revisor Hoch. Es darf nur nachmittags gebacken werden, nur Schwarz- und Weißbrod, kein Milchbrod; kein Bäcker darf Kuchen backen; jeder Konsument darf nur bei einem Bäcker Brod holen, der es aufschreiben muß.

1915 Februar 5: Heute vormittag kam eine Kompagnie Infanterie von Müllheim hierher und rastete eine Stunde auf dem Marktplatz; es waren durchweg Ersatzreservisten von 22 – 32 Jahren.

1915 Februar 6: Eine Trauernachricht ist heute abend eingetroffen: der Kriegsfreiwillige Karl Herzog ist gefallen. Er war der Sohn des Spinnmeisters Herzog, 19 Jahre alt, Lehrerseminar, der wegen seines freundlichen, heiteren Wesens sehr beliebt war (siehe Mai 25). – Ebenfalls gefallen ist der Unteroffizier Löw, der jüngste Sohn des verstorbenen Steuereinnehmers, dessen Witwe noch hier wohnt.

1915 Februar 7: Inter arma non silent musae [lateinisch: Im Waffengang schweigen nicht die Musen]. Daß auch die Musik im Felde zu ihrem Recht kommt, zeigt ein Brief des Bernhard Müller. Er hatte seine Trompete sich schicken lassen und teilt nun mit, sie hätten in Belgien ein Musikkorps gebildet, dass an Kaisers Geburtstag zum ersten Mal konzertiert habe. – Ebenso hat der Landwehrmann Emil Maurer, auch ein Staufener Musiker, Urlaub nach der Heimat erhalten, allein zu dem Zweck, um seine große Baßtuba abzuholen.

1915 Februar 8: Fabrikant Hipp von der Oberrheinischen Gummiwarenfabrik fabriziert jetzt – Granaten. Sie werden in Freiburg gegossen und kommen in Wagenladungen hierher, wo sie von Hipp in seiner Fabrik abgedreht werden; er wolle monatlich 2.300 Stück (?!) liefern; Generalunternehmer soll die AEG sein. – Der Unterricht in der Gewerbeschule muß schon zum dritten Mal eingestellt werden, da auch der neue Hilfslehrer eingezogen wird. Die Schüler besuchen von jetzt an die allgemeine Fortbildungsschule.




Granatendreherei bei der Firma Hipp (Vorlage: Staufener Weihnachtsblatt,
hrsg. von August Villinger, 1988).


1915 Februar 9: Auch der Amerikaner Hermann Stoll hat sich seiner Heimat erinnert; er hat seiner Schwester, Frau Metzger Heckle hier, 400 Mark geschickt zur Verteilung an bedürftige Kriegerfrauen. – Vor einigen Tagen ist auch Josef Binkert, Lehrerseminarist und Sohn des Stadtrechners, als Kriegsfreiwilliger in ein Jägerregiment zu Pferd eingetreten; die Einwilligung des Vaters erbat er sich erst, nachdem er angenommmen war.

1915 Februar 11: Zur Entlassung der mit Einquartierungen überlegten Garnisonsorte sollen die neu aufzustellenden Ersatzbataillone verlegt werden. Auch der Gemeinderat hier mußte sich heute äussern, ob die Stadt eine Garnison von 1800 Mann aufnehmen könne. Da die normale Belegungsfähigkeit nur 650 Mann beträgt, dürfte solches ausgeschlossen sein.

1915 Februar 13: Gestern sowohl wie heute kamen Kompagnien Infanterie auf ihren Märschen hierher. – Heute werden französische Familien, die zu Mülhausen ansässig waren, hierher zu wohnen kommen, da ihnen Staufen zum Zwangsaufenthalt angewiesen ist. – Wieder eine Trauernachricht: Heute abend wurde Frau Rappenecker, die Witwe des vor 3 Jahren in der „Kappensteife“ [Patentkappenfabrik] verbrannten Arbeiters, benachrichtigt, daß ihr 18-jähriger Sohn bei La Bassée am 6. diesen Monats gefallen sei. Er hatte sich, Kontorist bei Gebr. Himmelsbach in Freiburg, beim Beginn des Kriegs als Kriegsfreiwilliger beim Infanterie-Regiment 169 in Lahr gestellt.

1915 Februar 14: Heute war ein Offizier von Müllheim hier, um sich zu erkundigen wegen einer eventuellen Unterbringung eines Ersatzbataillons von 1000 Mann, die in Massenquartieren unterzubringen wären. Der Offizier war ein Hauptmann des Landsturms und Landgerichtsrat Ziegler von Karlsruhe.

1915 Februar 15: Fastnachtsonntag. Die diesjährige Fastnacht fällt ganz aus; es bedurfte gar keiner Verbote; es ist nichts zu bemerken, was auch nur im Entferntesten an Fastnacht erinnert. – Es ist auch von Freiburg aus beabsichtigt, ein neues Ersatzbataillon des Infanterie-Regiments 113 hierher zu verlegen. Es war [hier] heute nachmittag ein General von dort, der das Städtchen besichtigte. Da hier keine Häuser sind, die sich zur Unterbringung eignen und da – glücklicherweise – Privatquartiere nicht in Frage kommen, will er von seinem Plane abstehen. (P.s.: Das Müllheimer Ersatzbataillon kam nach Heitersheim, wo das große Bathyanische Anwesen Raum für 600 Mann bot; das Freiburger nach Emmendingen in das dortige große Schulhaus.)

1915 Februar 17: Um 8 Uhr morgens kam das Telegramm von der siegreichen „Winterschlacht in Masuren“. Sofort wurde geflaggt; im Amt Müllheim wurde abends in allen Orten geläutet. – Nachmittags warf ein Flieger Bomben auf Freiburg. – Zwei Anekdoten: Heute schrieb der Grenadierunteroffizier Nunnenmacher nach Hause, es gefalle ihm jeden Tag besser im Krieg! Er ist bei Lens in Nordfrankreich. – Vom Artilleristen Eichenlaub schrieb ein Kamerad, er schaffe für zwei und saufe für drei! Er ist bei La Bassée.

1915 Februar 21: Heute ist der Tag, an dem bei allen Regimentern II. Ersatzbataillone gebildet werden, von denen eines hierher hätte kommen sollen. – Am Nachmittag war hier eine große Übung von 6 Jugendwehr-Kolonnen, Oberamtmann Arnsperger nahm um ½ 5 Uhr vor unserem Hause die Parade ab.

1915 Februar 22: Zu Döberitz werden Berufsoffiziere ausgebildet; von hier ist der Einjährige, Jäger Walter Hennes für 12 Wochen dahin kommandiert.

1915 Februar 23: Fastenmarkt. Von Händlern nur schwach besucht; vereinzelte Stände waren nur auf dem Marktplatz. Für Butter wurde 1,35 verlangt; in Freiburg gilt er sogar 1,45 Mark. – Die heute erschienenen Verlustlisten zählt Karl Herzog (siehe oben Februar 6) als verschollen auf. Die Mutter des seit ¼ Jahr vermißten Emil Bihlmann hat immer noch keine Nachricht.

1915 Februar 25: Heute war keine Messe in der Kirche, da auch Stadtpfarrer Casper als Landsturmpflichtiger sich in Freiburg zur Musterung stellen mußte. Er ist als unabkömmlich erklärt. Der im Spätjahr gefallene Josef Rombach war für das Eiserne Kreuz vorgeschlagen. Der Orden und die ihm ebenfalls verliehene badische Verdienstmedaille sind nun nachträglich seiner Mutter gesandt worden.

1915 März 1: In Heitersheim ist die Garnison heute eingetroffen. Vom Roten Kreuz in Genf wurde das Bürgermeisteramt benachrichtigt, daß der Seesoldat Sprich, Sohn den verstorbenen Waldhüters, in japanische Gefangenschaft geraten sei; er war in Tsingtau.

1915 März 4: Hauptlehrer und Leutnant Emil Stoll hat zum Eisernen Kreuz auch den Zähringer Löwenorden erhalten. – Abends 8 Uhr fand im Saalbau Riesterer eine große, hauptsächlich von Frauen besuchte Versammlung statt, in welcher der Kreisschulrat von Emmendingen über die Ernährung während der englischen Blockade sprach.

1915 März 8: Um 10 Uhr fand auf dem Rathause eine Bürgermeisterversammlung statt, bei der die ersten Brotkarten ausgegeben wurden. – Von übermorgen an ist für hier die Feierabendstunde auf 11 Uhr, in den Landorten auf 10 Uhr festgesetzt.

1915 März 9: Die ersten Brotkarten wurden heute ausgetragen und zwar für die Zeit vom 10. bis 28. diesen Monats incl. Jeder, klein oder groß, erhielt ein Heftchen mit 8 Karten, giltig für 30 Pfennig Brot oder Mehl, und zwar entweder für 1 Laib Schwarzbrot (K-Brot) zu 750 gr oder 5 Sechspfennig-Brote oder 200 gr. Zwieback oder 500 gr Mehl zum Kochen oder 625 gr Backmehl. – Letzten Sonntag hat Lehrer Wagner mit seinen Bürgerschülern im Saalbau Riesterer ein Konzert (das dritte) zugunsten des Roten Kreuzes abgehalten, wobei 3 Freiburger Künstler mitwirkten. Es wurden 125 Mark abgeliefert.




Kartenheft für Brot und Mehl, um 1915/16 (Vorlage:
Stadtarchiv Staufen, S 7)



1915 März 13: Nächste Woche ist hier Metallsammlung von Kupfer und Messing. Wir haben hiezu heute bereitgestellt: 3 Kupferkessel aus der Küche, 1 großer kupfergetriebener Wasserschapfen, Messingbeschläge und anderes. – Der Kriegsfreiwillige Emil Kossmann ist am 5. März in Rußland gefallen, Leo Steinle, wo er viel verkehrte, erhielt heute die Nachricht. Kossmann war von Pfaffenweiler, seit dem 14. Jahr war er aber hier auf dem Amtsgericht als Schreibgehilfe angestellt. Zu Anfang des Kriegs trat er in Freiburg als Freiwilliger ein. Wegen seines heiteren, freundlichen Wesens war er hier sehr beliebt. – Alfred Schladerer ist zum Leutnant befördert worden.

1915 März 15: Die Einberufungen von gedienten Landsturm dauern fort. Einberufen wurden u.a. Löwenwirt Burget ins Oberelsaß und Kaufmann Hermann Mayer zur Postkontrolle in Kolmar.

1915 März 16: Heute haben wir die ersten Arbeiter im Taglohn. Da es bei den Brotkarten unmöglich ist, ihnen zum Vesper Brot zu geben, müssen sie es selbst mitbringen und erhalten dafür täglich 20 Pfennig.

1915 März 18: Heftige Kämpfe im Elsaß; man kann von hier nachts das Blitzen der Kanonen sehen. – Die Zeichnungen für die 2. Kriegsanleihe haben in der Sparkasse bereits 1.200.000 Mark überschritten. Morgen mittag ist Schluss.

1915 März 19: Im Gemeinderat stellten einige Rebbesitzer den Antrag, die Stadt solle 30 russische Kriegsgefangene zum Bau der Reben kommen lassen. Der Gemeinderat erklärte sich bereit, die Bewachungsmannschaften auf die Stadtkasse zu übernehmen, zur Übernahme der anderen Kosten müßten aber die Antragsteller samtverbindlich aufkommen. Der Antrag wurde darauf zurückgezogen.

1915 März 20: Die Baufrist für die Münstertalbahn wurde, „besonderer Umstände halber“, von 1. Mai auf 1. September verlängert. Der Akkordant Herling hat um 300 kriegsgefangene Russen nachgesucht.

1915 März 22: Nachmittags warfen zwei feindliche Flieger Bomben auf Freiburg, das eine Flugzeug wurde durch Schüsse beschädigt und mußte um 5 Uhr abends zwischen Schlatt und Bremgarten landen. Die beiden französischen Unteroffiziere wurden zu Bremgarten in den Ortsarrest verbracht; ihr Flugzeug hatten sie aber vorher verbrannt. – Der Einjährige Walter Hennes, der zu Döberitz einen Offizierausbildungskurs mitgemacht hat, wurde zum Leutnant ernannt.

1915 März 25: Heute nachmittag wurde eine freiwillige Metallsammlung für das Heer vorgenommen. Der Rollwagen wurde durch Gemeindetaglöhner durch die Straßen geführt, während Jugendwehrleute in die Häuser gingen und sammelten. Der Ertrag ist sehr reich ausgefallen: von alten Goldschmuck bis zur Zinkbadewanne wurde gegeben; im Ganzen 9 ½ Zentner Metall.

1915 März 26: Rechtsagent Joseph Erb hier, der vor kurzem zum Feldwebelleutnant ernannt worden ist, erhielt das Eiserne Kreuz. – Lehrer Wagner von der Bürgerschule wurde heute eingezogen. (P.s.: ein anderer Lehrer wurde nicht angestellt, so daß von jetzt an der Lehramtspraktikant gleichzeitig beide Schulklassen unterrichten muß, ein böser Notbehelf, aber an den anderen Schulen ist’s auch nicht besser.)

1915 März 31: Albert Schladerer vom Feldbergerhof wurde am 27. diesen Monats zum Leutnant befördert. – Aus Staufen sind gegenwärtig 12 Offiziere unter den Waffen: Oberst und Traininspekteur Faustmann; Hauptmann der Landwehr von Schauenburg; Leutnant (Finanzamtmann) Herrmann; Leutnant (Lehramtspraktikant) Faller; Leutnant (Prokurist) Mahle; Leutnant (Hauptlehrer) Emil Stoll; Leutnant (Hotelier) Albert Schladerer; Leutnant (Kaufmann) Alfred Schladerer; Jägerleutnant (Bergakademiker) Walter Hennes; Leutnant (Postassistent) Hog; Feldwebelleutnant (Rechtsagent) Erb; Assistenzarzt Dr. Sprauer. Letzterer ist Lazarett- und Garnisonsarzt in Müllheim; er kann aber von hier aus seine Privatpraxis besorgen.

1915 April 5: Albert und Marie waren gestern in Breisach. Seit Samstag finden dort große Truppentransporte nach dem Elsaß statt; das ganze Gardekorps soll schon durchgefahren sein. Eine französische Armee in der Champagne sei verschwunden, und damit hinge diese Truppenverschiebung zusammen.

1915 April 7: Unser Stolz, U 29, ist verloren [Unterseeboot U 29]. Die Zensurbehörde, hier der Oberamtmann, teilte dem Wochenblatt gestern mit, es dürfe darüber nichts veröffentlicht werden. Der heutige Tagesbericht gibt den Verlust bekannt. – Der Ersatzreservist August Gaß kam heute mit einem Nachschub von 2600 Mann von Karlsruhe nach Rußland.

1915 April 12: Die hiesigen Fabriken, die bisher für das Heer gut beschäftigt waren, spüren nun auch den Krieg. Die Tuchfabrik L. J. Groschupf, die bisher Militärmützentuch fabrizierte, musste schließen, da sie keine Wolle mehr erhalten kann; ebenso die Lederfabrik Karl Bob, der auch die Häute beschlagnahmt sind. (P.s.: die Fabriken konnten später wenigstens mit beschränktem Betrieb wieder eröffnet werden). Ein „Bombengeschäft“ macht dagegen die Patent-Schuhkappensteifefabrik, da bei den hohen Lederpreisen die Ersatzstoffe sehr gesucht sind.

1915 April 13: Heute früh kam die Nachricht, daß ein Bruder der Frau Oberamtmann Arnsperger, Leutnant Mackle, gefallen sei; er wurde in Nordfrankreich im Unterstand von einer einschlagenden Granate getötet.

1915 April 16: Wegen der herrschenden Kartoffelnot bestellte die Stadt vor einigen Wochen zwei Waggons Kartoffeln. Diese – 590 Zentner – sind heute aus Norddeutschland eingetroffen und wurden im Spritzenhaus hinter dem Rathaus abgeladen. Die Stadt bezahlte dafür pro Zentner 7 Mark; da der Höchstpreis aber nur 6,50 Mark beträgt, war von vornherein bestimmt, daß sie mit Verlust zu verkaufen waren; das Reich wird aber die Differenz bezahlen. (P.s.: Nach beendeter Saat brachten die Bauern eine Menge Kartoffeln billig auf den Markt und die Stadt konnte später froh sein, daß der Bahnbauunternehmer Herling einen großen Teil für seine Kriegsgefangenen kaufte, siehe April 29 ff.).

1915 April 19: Die Bürgerschule hat Kriegsferien; am Samstag ist der Lehramtspraktikant Vögtle versetzt worden; es ist kein Lehrer mehr da.

1915 April 20: Kriegskontrollversammlung um ½ 9 Uhr in der Turnhalle, zu der alle Männer von 17–45 Jahren erscheinen müssen, die nicht eingezogen oder dauernd untauglich sind. – Von heute an wird wegen der Fliegerfahr die Bogenlampenbeleuchtung der Hauptsraße eingestellt.

1915 April 21: Heute, Mittwoch, sah ich, wie ein Münstertäler Bote auf dem Turnplatz sein Pferd von seinem Wagen weg einem Juden um 1900 Mark verkaufte, ein Pferd, das vor dem Krieg einen Wert von höchstens 600 Mark hatte. Pferde, wie sie die hiesigen Fuhrleute haben, kosten jetzt 3000 Mark.

1915 April 22: Die Teerung der Hauptstraße kann dieses Jahr nicht stattfinden, da, laut Mitteilung der Wasser- und Straßenbauinspektion, der Teer fehlt.

1915 April 24: Marxtag. Durch Verfügung des bischöflichen Ordinariats dürfen in den durch Flieger gefährdeten Gegenden die Prozessionen und Bittgänge unterbleiben, es fällt deßhalb der heutige Bittgang aus. (P.s.: Es wurden auch sonst in diesem Jahre keine Prozessionen und Bittgänge abgehalten, nur am Allerseelentag ging man gemeinsam auf den Friedhof.)

1915 April 25: Mit dem 4-Uhr-Zuge kamen heute die ersten Kriegsgefangenen – Zivilgefangene aus Nordfrankreich – hierher und treten, 50 Mann stark, sofort den Marsch ins Münstertal an, wo sie am Bahnbau arbeiten werden.

1915 April 28: Frau Zimmermeister Bihlmann Witwe hat heute die amtliche Nachricht erhalten, daß ihr ältester Sohn, Emil Bihlmann, der seit dem 1. Januar vermißt war, bei den Kämpfen in Flandern den Tod gefunden hat (siehe Januar 1). Er wurde bei dem Rückzuge bei New-Port [Nieuwpoort, Belgien] vermißt und man nahm an, daß er ertrunken sei. Bihlmann war beim Reserve-Infanterie-Regiment 239; er ist, wie aus dem Kriegsministerium der Mutter geschrieben wurde, am 3. November bei Paschendaale [Passchendaele] unweit Ypern in Belgien gefallen.

1915 April 29: Mit dem Verkauf der städtischen Kriegskartoffeln wurde heute begonnen, es wurden aber beim Preis von 6,- Mark per Zentener nur 37 Zentner verkauft, da ein Preissturz eingetreten ist. Gestern waren hier auf dem Wochenmarkt über 300 Zentner, es wurde aber nur wenig verkauft und zwar zum Preis von 4–5 Mark per Zentner.

1915 Mai 2: Im Oberelsaß wird heute wieder ein gefallener Staufener beerdigt: Emil Gutmann, Sohn des Fabrikarbeiters Karl Gutmann-Seywaldt. Er wurde bei Waldighofen im Oberelsaß, wo er als „Landsturm ohne Waffe“ einer Armierungskompagnie zugeteilt war, von einer Fliegerbombe getroffen.

1915 Mai 3: Wegen des großen Siegs, den General Mackensen und Erzherzog Ferdinand in den Karpathen über die Russen errungen, haben wir heute geflaggt.

1915 Mai 8: Die letzten diesjährigen Rekruten mußten heute einrücken. – Trotz des großen Siegs in Galizien herrscht hier große Sorge wegen der bundeswidrigen Haltung Italiens.

1915 Mai 10: Von den hiesigen Teilnehmern an der Schlacht bei Ypern treffen nun Nachrichten ein: von Fritz Wallraff, der mit seiner Kopagnie durch den Ypern-Kanal mußte, von Feldwebelleutnant Erb, der als Compagnieführer 5 englische Kanonen erbeutet habe und von dem Chauffeur Ruch, der schreibt, er sei „einer der Stinker von Langemark“.

1915 Mai 13: Heute wurde in Sulzburg ein im dortigen Genesungsheim an Brustfellentzündung gestorbener älterer Zivil-Gefangener aus Nordfrankreich, der im Münstertal am Bahnbau gearbeitet hatte, beerdigt. – Vier Italiener aus dem Münstertal, die vorgestern mit dem Auto nach Basel fuhren, um sich in ihrer Heimat zu stellen, wurden an der Grenze zurückgewiesen und mußten wieder zurückkehren.

1915 Mai 14: Im Ausland scheint man einen sonderbaren Begriff zu haben wegen unserer „Hungersnot“. Küfer Mußler erhielt heute von seiner in Amerika lebenden Tochter mit der Post 10 Pfund Mehl (für das sie in Amerika 7 Mark bezahlt hat), Frau Gramelspacher von ihrem Sohn in Amerika Zwieback, und eine Freundin von Frl. Elsa Rieger sandte ihr aus der Schweiz eine Wurst. – Von den von der Stadt gekauften Kartoffeln sind noch 170 Zentner da; sie sollen jetzt rasch um billigen Preis verkauft werden, da von einem Kartoffelmangel keine Reder mehr sein kann.

1915 Mai 20: Kaminfeger Pfeifer wurde heute benachrichtigt, daß sein jüngster Sohn Rudolf, 20 Jahre alt, auf der Lorettohöhe bei Arras schwer verwundet worden sei und jetzt im Lazarett in Frankfurt liege. – Soeben triftt die Nachricht ein, daß am 11. diesen Monats ebenfalls auf der Lorettohöhe der Sohn des verstorbenen Stadtrechners, der Hauptlehrer und Leutnant Emil Stoll gefallen sei. Ein harter Schlag für die Mutter, deren Stolz und Ernährer er war. Er diente im Infanterie-Regiment 109, wurde im Krieg zum Leutnant befördert und erhielt das Eiserne Keuz und den Zähringer Löwenorden. Die Trauer um den jungen Mann ist allgemein. – Der Kriegsfreiwillige im Infanterie-Regiment 113, Postbote Gamp, hat das Eiserne Kreuz erhalten.

1915 Mai 24: Heute, Pfingsten, in der Frühe wurde die italienische Kriegserklärung hier bekannt, unsere neuen großen Erfolge in Rußland lassen darüber aber keine großen Sorgen aufkommen. – Der kriegsfreiwillige junge Lehrer Karl Dufner ist zum Offiziersausbildungskurs nach Döberitz kommandiert worden. – Die Eltern des seit Anfang Februar (siehe 6. Februar) vermißten Kriegsfreiwilligen Karl Herzog wurden von 2 in englischer Gefangenschaft befindlichen Regimentskameraden aus Rimsingen und Kirchhofen benachrichtigt, daß Herzog seiner Zeit an einem Kopfschuß gefallen sei.

1915 Mai 27: Heute wurden wieder viele Landsturmmänner eingezogen; allein in Freiburg 1700 Mann. Von hier u.a. Kaufmann Weigl???, Glaser Sumbert, Schneider Haas, Seiler Hangartner, Schneider Schemp. – Gestern wurde im Müstertal einer der Kriegsgefangenen, ein französischer Zivilgefangener, durch den evangelischen Pfarrer Trenkle von hier beerdigt, er war beim Bahnbau verschüttet worden. – Die hiesige Stadt hat zu landwirtschaftlichen Arbeiten um 20 Kriegsgefangene nachgesucht, man beabsichtigt sie im Amtsgefängnis wohnen zu lassen. (P.s.: sie wurden in der „Krone“ untergebracht.)

1915 Mai 29: Postassistent Paul Lang, Einjährig-Freiwilliger, wurde zum Leutnant ernannt, Architekt Guggolz, ebenfalls Einjähriger, ist zur Zeit in der Offizierschule in Döberitz. – Nach einer auf dem Rathause gemachten Zusammenstellung sind gegenwärtig von hier 281 Mann unter den Waffen.

1915 Juni 3: Heute abend traf die Nachricht vom Fall von Przemysl [Polen] ein. Es wurde sofort geflaggt und – zum erstenmal in diesem Kriege – mit allen Glocken geläutet. – Die Kriegsgefangenen kommen vorläufig nicht, da auf dem Heuberg unter ihnen der Typhus herrsche.

1915 Juni 7: Die hier wohnenden Italiener, 10 Männer, stehen unter Kontrolle; jeden abend um 8 Uhr müssen sie beim Ratsdiener erscheinen und ihren Namen in eine Liste eintragen. Vier von ihnen machen dabei Kreuze, da sie ihren Namen nicht schreiben können. – Der Hornist Franz Hoch von hier, im Wiesental verheiratet, hat das Eiserne Kreuz erhalten.

1915 Juni 9: Heute nachmittag kamen 20 französische Kriegsgefangene von dem Heuberg nach Grunern. (In der nächsten Zeit erhalten fast alle Gemeinden Kriegsgefangene, welche gemeinsam wohnten, aber bei den Bauern arbeiteten.)

1915 Juni 17: In der Turnhalle findet heute die Abnahme der Getreidevorräte der hiesigen Bauern durch den Kommunalverband statt. – Postassistent Karl Hog, Leutnant und Batterieführer, hat den Zähringer-Löwenorden II. Klasse erhalten, ebenso auch das Eiserne Kreuz.

1915 Juni 18: Eine neue Abteilung Landsturm wurde heute eingezogen; von hier unter anderem Landwirt Roth (Train), Anwalt Lederle (Postüberwachungsstelle Konstanz), Metzger M. Heckle (Armierungssoldat).

1915 Juni 19: Der drittälteste Sohn des Kronenwirts L. Maier, der Kaufmann und Musketier Karl M. im Infanterie-Regiment 113 soll gefallen sein. Schon vor 8 Tagen erhielten die Eltern die Nachricht, er sei schwer verwundet, nun hat aber der Sohn des Rößlewirts von St. Ulrich geschrieben, Maier sei auf dem Schlachtfeld in seinen Armen gestorben. (P.s.: die Verlustliste nannte ihn „leichtverwundet“; da aber kein Lebenszeichen mehr von ihm (bis heute 2.2.1916) von ihm kam, wird er wohl gefallen sein.)

1915 Juni 22: Soeben, nachts ½ 11 Uhr, beginnt das Festgeläute: Lemberg ist erobert. Reisende, die von Freiburg kommen, brachten die Nachricht; dort sei um ¾ 9 Uhr geläutet worden.

1915 Juni 24: Johanni! Das Johannisfeuer, das jedes Jahr auf dem Schloßberg abgebrannt wird, ist dieses Jahr ausgefallen. Die Knaben denken nicht ans Sammeln von Holz. Dem Ernst der Zeit fällt auch dieses Jugendfest zum Opfer.

1915 Juni 27: Ein gebürtiger Staufener, mein Schulkamerad Theodor Finner, Major und Bataillonskommandeur hat das Eiserne Kreuz I. Klasse erhalten.

1915 Juni 28: Heute mittag sind unsere Kriegsgefangenen, 10 Russen, eskortiert von 2 Landsturmmännern, eingetroffen. Sie wurden sofort in ihr Quartier, die „Krone“, geführt. Die Stadt bezahlt für ihr Quartier aus der Stadtkasse täglich 40 Pfennig pro Mann, ebenso 3 Mark Verpflegung für jeden Wachmann. Verköstigt werden die Gefangenen von ihren Arbeitgebern.

1915 Juli 4: Die russischen Kreigsgefangenen sind schon in voller Arbeit und die Leute sind mit ihnen sehr zufrieden. Heute, Sonntag, wurden sie durch die Wachmänner ins ??? in die Kirche geführt. – Nach kurzer Pause fallen wieder schwere Schüsse im Oberelsaß.

1915 Juli 5: Nach Freiburg wurden heute 1000 Verwundete aus dem Oberelsaß gebracht, die dortigen Lazarette werden geräumt, da man im Elsaß eine italienisch-französische Offensive befürchtet. Neue Sorgen für uns!

1915 Juli 6: Die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag unaufhörliches Schießen im Elsaß, das zeitweilig ganz beängstigend wird. Im Elsaß seien viele tausende Russen mit dem Anlegen neuer Schützengräben beschäftigt und zu Heitersheim, Krozingen usw. stünden leere Personenzüge, um diese Leute bei einem Einbruch rasch wegzubringen. Der Verkehr mit der Schweiz ist ganz unterbrochen.

1915 Juli 7: Auch gestern nacht und heute fortdauerndes Schießen; die Leute gehen auf den Schloßberg, um abends das Feuern zu sehen. Heute berichteten Marktleute, daß die Elsäßer Züge auf unserer badischen Bahn fahren; der Bahnhof von Lutterbach sei ganz zerstört. – Ernst Meyer, Sohn des verstorbenen Färbers Mayer hier, Landwehrunteroffizier im Landwehr-Infanterie-Regiment 110, hat das Eiserne Kreuz erhalten.

1915 Juli 11: Direktor Heinz Wustrow von der Gummiwarenfabrik ist gefallen; er hinterläßt eine junge Frau mit 2 Kindern und seine Mutter, die sehr bemitleidet werden. Als Landsturmmann war er vor 8 Tagen nach Arras zum Infanterie-Regiment 170 an die Front gekommen. – Abends ½ 9 Uhr große Aufregung. Zwei Russen, die im Gotthardhof beschäftigt wurden, sind durchgebrannt.

1915 Juli 15: Heute früh kamen 3 Todesnachrichten auf das Rathaus. Es sind gefallen: Hermann Lang, Gärtner, der jüngste Sohn des Sägers Christian Lang, 23 Jahre alt, im Westen; ferner Friedrich Büchele, geb. 1888, Sohn des verstorbenen Schneiders Büchele, und – zwar kein Staufener, aber vor dem Krieg hier wohnend – Geometerpraktikant Keim, der am 21. Mai verschüttet wurde. Büchele fiel an der Dubissa [Dubysa, Nebenfluss der Memel in Litauen].

1915 Juli 16: Meine Schwägerin [Marie Hugard, Ehefrau von Bürgermeister Albert Hugard] leitet für den Bezirk die Sammlung „Kaiserspende deutscher Frauen“, die dem Kaiser am 2. August für seine Krieger überreicht werden soll. Gestern war Schluß der Ortssammlungen. In Staufen wurden 595 Mark gesammelt; im ganzen Bezirk 3345 Mark.

1915 Juli 17: Aus Staufen steht an der italienischen Grenze der Offizierdiensttuer (????) Kunstmaler Jerusalem (1. Deutsches Alpenregiment in Meran); auch einige andere Soldaten werden genannt (Bayer, Zimmermann), die dort stehen sollen.

1915 Juli 19: Ein Kriegsgefangenen-Curiosum. Auf dem Stohren waren 30 Russen, für die man keine Arbeit mehr hatte. Heute früh brachte man sie zu Fuß nach Freiburg, wo sie nach Rastatt zurückfahren sollten. Bahnbauakkordant Herrling hörte davon und reiste ihnen nach nach Freiburg und brachte sie für seinen Bahnbau wieder zurück. Heute mittag marschierten sie wieder hier durch auf dem Wege ins Münstertal. (P.s.: Als diese Leute am folgenden Tag an die Arbeitsstelle – Kiesgruben beim Metzenbach – gebracht wurden, weigerten sie sich zu arbeiten und legten sich ins Gras, so daß sie Herrling notgedrungen am Mittag nach Rastatt zurückbringen mußte.)

1915 Juli 22: Der eine der hier am 11. diesen Monats entflohenen Russen wurde gestern in Auggen verhaftet und heute nach Rastatt gebracht. Der Wachmann brachte dafür 2 andere hierher, so daß ihre Zahl wieder 10 erreicht.

1915 Juli 27: Auch der zweite der hier entflohenen Russen ist jetzt in Grenzach, als er die Grenze überschreiten wollte, festgenommen worden.

1915 Juli 28: Der heftige Kanonendonner, der seit 4 Tagen aus dem Elsäßer Münstertal zu uns herübertönt, hat aufgehört; dagegen sieht man immer noch von hier ein Dorf bei Münster brennen.

1915 Juli 31: Gestern und heute früh 6 Uhr flogen feindliche Flieger über unsere Gegend nach Freiburg, wo sie viele Bomben warfen. Man sah hier die Schrapnellwölkchen der Abwehrgeschosse und hörte sogar das Sausen der Geschosse, die von Munzingen aus abgegeben wurden. Heute früh mußte einer der feindlichen Flieger bei Eschbach landen, was natürlich viele Neugierige dorthin lockte.



Staufener Kriegskinder im Freibad, um 1915.
Foto von Rudolf Hugard (Vorlage: Stadtarchiv Staufen, N 600).


1915 August 1: Annafest und Jahrestag des Kriegsbeginns. Annafest: Hochamt und Festpredigt, sonst nichts; keine Prozession, keine Fremden und statt der Böller tönen die Kanonen aus dem Elsaß so laut, daß man’s in der Kirche hören konnte. – Abends ½ 10 Uhr: Soeben komme ich von der Wettelbrunner Straße; in den Vogesen sah ich die Leuchtkugeln aufsteigen, rote und weiße, und auch das Aufblitzen der Kanonen konnte ich sehen; dabei unaufhörliches Rollen der Geschütze. (P.s.: Die Franzosen schossen an diesem Abend die Hotels auf den „3 Ähren“ zusammen.)

1915 August 4: Jakobimarkt. Welch‘ ein Unterschied gegenüber dem letzten Jahr! Damals Panik und gar kein Markt, und heute, wenigstens für uns, der stärkste Markt seit vielen Jahren; ein Beweis, welch‘ festes Vertrauen man auf einen glücklichen Ausgang des Kriegs hat.

1915 August 5: Eine herrliche Nachricht traf um 4 ½ Uhr nachmittags ein: Warschau gefallen. Sofort wurde geflaggt und ebenso schnell begann das Läuten von den beiden Kirchtürmen.

1915 August 10: Die Mannschaften von 1875 haben heute ihre Stellungsbefehle zur Musterung erhalten, mit Ausnahme der Bauern, die erst später geholt werden. – Der Bahnbauunternehmer sucht hier Wohnung für 30 Russen.

1915 August 15: Die Teuerung dürfte, abgesehen von Fetten und Oelen, ihren höchsten Stand erreicht haben [folgt Preisliste für Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs].

1915 August 16: Frau Hafnermeister E. Keller Witwe wurde heute nachmittag telegraphisch aufgefordert, sofort ihren Sohn, der im Lazarett in Dirschau [Tczew, Polen] liegt, zu besuchen. Es ist die dritte Verwundung dieses jungen Mannes, an der er darniederliegt. (P.s.: Er hatte einen Starrkrampfanfall; er hat sich aber wieder erholt.)

1915 August 18: Gestern abend 5 Uhr und heute früh kamen die Telegramme vom Falle der Forts und der Festung Kowno [Kaunas, Litauen] mit einer riesigen Beute. Wir haben gestern und heute geflaggt.

1915 August 21: Die Granatendreherei, welche H. Hipp in seiner Gummifabrik eingerichtet hat, ist nun in vollem Betrieb, es wurden mehrere Wagenladungen Drehbänke aufgestellt und es ist jetzt, da in mehreren Schichten gearbeitet wird, ein ununterbrochener Tag- und Nachtbetrieb eingeführt. – Zur Abnahme der Granaten ist ein Oberfeuerwerker hier einquartiert, der während des Kriegs hier bleiben soll. Gestern kam eine Wagenladung Rohgranaten an.

1915 August 23: Das Bezirksamt hat heute den Höchstpreis für Zucker festgesetzt: Stockzucker 1 Pfund 28 Pfennig (bisher 32), Würfel-, Gries- und Staubzucker 30 (34), Kristallzucker 28 (32). Durch diese Preisfestsetzung werden die Kaufleute sehr geschädigt, da sie bereits den Herbstbedarf zu den hohen Preisen gekauft haben.

1915 August 26: Um ½ 5 Uhr wurde geflaggt und um 5 Uhr mit allen Glocken geläutet wegen der Eroberung von Brest-Litowsk. Die Urlauber aus Rußland haben in ihrem Paß den Vermerk: Falls während des Urlaubs Waffenstillstand eintreten sollte, haben sich die Urlauber nicht beim Regiment, sondern beim Bezirkskommandeur zu stellen. Ein Friedensvorbote?

1915 September 1: Schon wieder eine Freudennachricht: um 7 ½ Uhr abends wurde bekannt, daß die Festung Luk (Lonitz) [???, nicht identifiziert] gefallen sei. Um ½ 9 Uhr wurde mit den Glocken geläutet und als wir auf die Straße eilten, sagte man, es seien dort 90.000 Mann gefangen und 1200 Geschütze erbeutet worden und es herrschte großer Jubel.

1915 September 2: Die gestrige Nachricht von der gewaltigen Beute war falsch; zum Läuten lag somit gar keine Veranlassung vor.

1915 September 3: Grodno [Hrodna, Weißrussland] gefallen, um7 Uhr abends Festgeläute und Beflaggen der Häuser. – Die Witwe des verstorbenen Maurerpoliers Grafried erhielt heute die telegraphische Nachricht, daß ihr jüngster Sohn Albert Grafried in den Kämpfen bei Warschau gefallen sei. Er war 22 Jahre alt und Fabrikarbeiter.

1915 September 7: Heute vormittag konnten wir sehen, wie 3 Flieger Freiburg bombardierten; am klaren, blauen Himmel waren die Schrapnellwolken deutlich zu sehen.

1915 September 8: Architekt Guggolz, von der Firma Schlenker und Guggolz, ist gefallen. Bei Kriegsausbruch trat er als Einjähriger ein, er erhielt das Eiserne Kreuz und als Leutnant ist er jetzt in Rußland gefallen. Er war ein vielversprechendes Talent.

1915 September 11: Erst heute erhielten die Eltern des Anfangs des Jahres gefallenen Karl Herzog (siehe Februar 6) die amtliche Nachricht, daß ihr Sohn durch einen Kopfschuß gefallen sei.

1915 September 19: In Krozingen ist wieder eine Bahnwache, die eine auf dem Militärgeleise stehenden Munitionszug – 3. Staffel? – bewachen muß. Es sollen in allen Bahnhöfen des Oberlands solche Züge stehen. (P.s.: dieser Zug blieb den ganzen Winter über da stehen; es wurden je nach Bedarf einzelne Wagen weggefahren und dann wieder andere gebracht.

1915 September 23: Herbstanfang! Und noch immer tönt aus dem Elsaß der Donner der Geschütze, gerade wie vor einem Jahr, als wir herbsteten.

1915 September 24: Der Herbst steht im Zeichen des Kriegs, fast bei jedem Herbstwagen sieht man Soldaten oder Kriegsgefangene, die meisten Wagen der Auswärtigen, die hier herbsten, werden von Russen gefahren, aber auch fast bei jedem Wagen sind Soldaten. Die Mannschaften in den Garnisonen und auch von der Front im Elsaß durften zum Herbst heimkehren; vom Landsturmbataillon Freiburg konnte man Leute holen und auch von der Front in Belgien sind gegenwärtig Leute hier. Der Küfer Karl Mußler, der heute abend bei uns arbeitete, ist gestern direkt aus dem Schützengraben bei Reims heimgekehrt.

1915 September 30: Kanonier Karl Stöckle, Sohn des Ratschreibers, hat an der Westfront das Eiserne Kreuz erhalten. Mit Sorgen wird der Verlauf der großen französischen Offensive in der Champagne verfolgt, da dort unser Armeekorps liegt.

1915 Oktober 1: Als Folge dieser Schlacht erhielt das Bürgermeisteramt hier heute früh die telegraphische Anfrage, ob das Vereinslazarett wieder belegt werden könne und um 12 Uhr wurde telephoniert, daß heute noch 20 Verwundete eintreffen würden. In aller Eile wurde darauf die Kinderschule wieder als Lazarett eingerichtet. Die Verwundeten sind aber nicht gekommen.

1915 Oktober 3: Sonntag: die vorgestern angesagten Verwundeten sind heute eingetroffen, um ½ 1 Uhr kam das Telegramm und eine Stunde später 20 Leichtverwundete. Bei ihrer Ankunft war die Sanitätskolonne an der Bahn. – Auch der zweite Sohn des Karl Gutmann-Seywald soll gefallen sein; Sicheres ist aber noch nicht bekannt (siehe Oktober 30).

1915 Oktober 7: Heute nachmittag war Major Müller-Provinin [?, Ortsname unleserlich] und sein Adjutant von Heitersheim hier, um einen Platz auszusuchen für ein Fliegerabwehrgeschütz. Es soll ein Abwehr-Kommando hierher gelegt werden. (P.s.: Es handelte sich um eine Flugwache, siehe unten.) – Landsturmmann Blattmann, Buchhalter bei Wehrle, hat das Eiserne Kreuz erhalten.

1915 Oktober 9: Von heute nacht an werden die „halbnächtigen“ Lampen der Straßenbeleuchtung wieder gebrannt, die Bogenlampen werden aber der Fliegergefahr wegen noch immer nicht benutzt.

1915 Oktober 15: Ein Fliegerabwehrgeschütz (P.s.: es war eine Flugwache, kein Geschütz) kommt auf den Schloßberg. Die Stadt hat heute bei Hafner Briehm für die Mannschaften (6 Mann) eine Wohnung gemietet für 20 Mark pro Monat. – Seit gestern sind die Männer im Lazarett einem Unteroffizier unterstellt; letzterer ist von Beruf Ingenieur.




Soldaten auf dem Schlossberg, vermutlich von der im Herbst 1915 eingerichteten Flugwache. Links oben Masten auf der Ruine, rechts oben ein vermauerter Bogen mit Einbau eines Zimmers (Vorlage: Stadtarchiv Staufen, Fotosammlung).


1915 Oktober 16: Die Betonmaschine bei der Baustelle der Münstertäler Eisenbahnbrücke wurde gestern weggeholt, obgleich die Zementarbeiten noch nicht ganz fertig sind. Sie kommt ins Oberelsaß in die Schützengräben.

1915 Oktober 17: Der Kommunalverband Staufen, der die ganze Brotversorgung des Bezirks vermittelt, hat die ganzen Fruchtvorräte aufgekauft. Der Kauf sollte durch die Fruchthändler des Bezirks als „Commissionäre“ besorgt werden. Da diese aber wegen der angeblich zu niederen Provision abgelehnt haben, besorgt der Geschäftsführer, Albert Gysler , den Ankauf allein. 6000 Zentner Frucht lagern bereits in seiner (ehemaligen) Mühle, weitere 16.000 Zentner sollen noch hinzukommen. Als Lagerhalle hat der Kommunalverband die Turn- und Festhalle gemietet, als Miete bezahlt er rmonatlich 45 Mark. – Konditor August Villinger wurde gestern benachrichtigt, daß sein ältester Sohn, der Konditor Aug. [Emil] Villinger, in Rußland durch einen Kopfschuß schwer verwundet worden sei und daß er jetzt in Danzig im Lazarett liege. – Unser Nachbar erhielt heute mit der Post Briefe und Pakete zurück, die er seinem Sohn, dem Einjährigen und Kriegsfreiwilligen Fritz Wallraff gesandt hatte: sie trugen den Vermerk „verwundet“ und „gefallen“. Überall Kummer und Sorgen! (Siehe Oktober 20.)

1915 Oktober 20: Heute früh wurde unserem Nachbar Wallraff durch das Regiment mitgeteilt, daß sein Sohn Fritz Wallraff (siehe oben Oktober 17) gefallen sei. Er hatte noch am 7. Oktober nach Hause geschrieben, daß sein Regiment für den folgenden Tag nördlich Arras zum Sturm befohlen sei; es gehe in den Tod. Bei diesem Sturm fiel er und mit ihm der größte Teil seiner Compagnie.

1915 Oktober 22: Das hiesige Vereinslazarett in der Kinderschule, das man vor 3 Wochen über Hals und Kopf wieder hatte einrichten müssen, ist schon wieder aufgelöst. Gestern kam – ohne Angabe eines Grundes – die Nachricht, daß es wieder geschlossen werde und heute mittag haben die Insassen, 20 Mann, Staufen wieder verlassen. – Dagegen ist heute früh die angemeldete Flugwache (nicht Abwehrkommando), bestehend aus 6 Mann des 76. Feld-Artillerie-Regiments hier eingetroffen. Die Mannschaften sind im Briehm’schen Hause untergebracht; sie essen im „Löwen“ (pro Tag und Mann 2 Mark); je 2 Mann, ein Beobachter und ein Telephonist, sind ständig auf dem Turm der Burg Staufen.

1915 Oktober 29: Gestern war die Musterung der Siebzehnjährigen. Die reinen Kinder! – Morgen müssen von hier wieder viele Leute einrücken, man sagt 18 Mann, darunter Fabrikant Groschupf, Chemiker Pikosch, Uhrmacher Mayer und viele Landwirte. Groschupf hat die Fabrik geschlossen, alle Leute sind entlassen und nur Spinnmeister Herzog bezieht als „Hausmeister“ seinen Gehalt weiter.

1915 Oktober 30: Karl Gutmann-Seywaldt (siehe oben Oktober 3) erhielt nun die amtliche Nachricht, daß auch sein zweiter Sohn, Franz Gutmann, gefallen sei. Er wurde am 27. September auf dem westlichen Kriegsschauplatz durch eine Granate getötet. – Ebenso verschied heute im Lazaraett zu Danzig der älteste Sohn des Konditors Villinger, Emil Villinger, Konditor, an dem Kopfschuß, den er in Rußland erlitten hatte. Seine Eltern hatten ihn noch diese Woche besucht; bei der Heimkehr fanden sie die Depesche mit der Todesnachricht. – Abends 6 ½ Uhr: Soeben wird ausgeschellt: auf Anordnung des Generalkommandos ist die an Allerheiligen übliche Schmückung der Häuser mit brennenden Kerzen verboten (Ersparnis von Leuchtmitteln).

1915 Oktober 31: Gestern abend ½ 9 Uhr erhielt mit dem letzten Zuge der Eisenbahnakkordant Herling 28 französische Kriegsgefangene, die auf der hiesigen Gemarkung an der Münstertalbahn bauen sollen. Die Leute und ihre 2 Wachmänner sind in der benachbarten Brauerei Steinmann untergebracht. Die 10 landwirtschaftlichen Arbeiter, Russen, sind noch hier, man ist mit diesen ernsten, fleißigen Leuten sehr zufrieden.

1915 November 4: Die Franzosen (siehe oben Oktober 31), 2 Sergeanten und 26 Gemeine, sind fast durchweg Alpenjäger, sie tragen dunkelblaue Uniformen mit hellblauen, breiten Schärpen und schwarze Tellermützen. Sie arbeiten im Steiner am Bahnbau, es sind aber sehr geringe Arbeiter, mit Ausnahme von 3 des Schaffens ungewohnt. – Unterlehrer Franz Berger, zur Zeit in Serbien, wurde zum Leutnant befördert.

1915 November 6: Der Gemeinderat hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, wegen der Teuerung einen städtischen Seefischverkauf einzuführen. Die Fische sollen im neuen Eckraum des Kronhauses durch Ratsdiener Seng ausgewogen werden – der Petroleumknappheit wegen wird die Stadt von nun an Petroleumkarten ausgeben. Jede Haushaltung ohne elektrisches Licht erhätlt pro Monat Karten für den Bezug von 2 ½ Liter Petroleum.

1915 November 9: Abends ½ 7: Die Flugwache auf dem Schloßberg teilt telephonisch abends um ½ 7 Uhr mit, daß ein feindliches Fluggeschwader von ca. 50 Flugzeugen gemeldet sei, man solle sofort die Straßenbeleuchtung abdrehen. Um ½ 9 Uhr wurde angefragt, ob wieder beleuchtet werden könne, worauf von Freiburg aus die Genehmigung erteilt wurde. Die Flugzeuge waren zu Markirch gesichtet worden, sie kamen aber nicht das Land herauf.

1915 November 15: Heute Donnerstag früh, 8 Uhr, begann der erste städtische Seefischverkauf. 1 Zentner Seefische, Schellfische und Seelachs, per Pfund zu 50 und 60 Pfennig, wurde in ½ Stunde verkauft.

1915 November 15: Die Zufuhr von Frucht aus dem Bezirk an den Kommunalverband ist gegenwärtig gewaltig; heute nachmittag standen gegen 20 beladene Wagen bei der Gysler’schen Mühle. Die Festhalle ist ganz gefüllt und es wird gegenwärtig in der Groschupf’schen Scheuer abgeladen. Auch auswärts werden noch Lokale gemietet.

1915 November 20: Gestern abend kam zu den bisherigen hiesigen Kriegsgefangenen noch eine 3. Abteilung: durch Vermittlung der Handwerkskammer erhielten die hiesigen Handwerker 6 Russen als Gesellen. Untergebracht sind sie mit ihrem Wachmann ebenfalls in der „Krone“; in Arbeit sind sie: 3 Mann bei Stuhlfabrikant Wacker, 2 bei Mechaniker Fark und 1 bei Metzger Steiger.

1915 November 22: Weihnachtsvorbereitungen: das Rote Kreuz hier erhielt 200 „adressenlose“ Weihnachtsschachteln für Krieger zum Füllen; 87 wurden von hiesigen Einwohnern zum Füllen abgeholt; für die anderen bewilligte der Ortsausschuss 800,- Mark, wofür die Damen des Frauenvereins Gaben kauften und die Schachteln füllten. – Sämtliche Schachteln aus dem ganzen Bezirk wurden auf dem Rathause hier gesammelt, wo sie von den Ratsdienern in „Einheitskisten“ mit je 50 Stück verpackt wurden. – Der Frauenverein schickte ferner jedem Soldaten (außer der Rekruten) ein Paket mit 1 Birnwecken und anderen Gaben. Zu dieser letzteren Sendung habe ich die Adressen (je 210 Adressen und Paketadressen) geschrieben. – Von der Stadt erhielt jeder Soldat nur 1 Paketchen mit Cigarren, darin wurde aber ihnen mitgeteilt, daß die Soldatenfrauen hier größere Geldgeschenke erhalten würden.

1915 November 23: Das Generalkommando in Karlsruhe erhielt von hier einen Brief ohne Namensunterschrift, worin sich einer beschwerte, es würden von hier „presthafte“ Leute, darunter sogar einer mit „einem steifen Hals“ eingezogen, während 5 gesunde, kräftige Männer: der Baumeister Wehrle, sein Zimmererpolier Trefzer, Mechaniker Brandner, Bierhändler Faller und Landwirt Meyer frei bleiben. Der anonyme Briefschreiber ist wohl ein Konkurrent Wehrles, ein Zimmermeister „mit einem steifen Hals“, der seit Anfang des Kriegs eingezogen ist. Das Bürgermeisteramt mußte die Militärpapiere der Genannten einsenden (P.s.: Trefzer wurde eingezogen, die anderen nicht.)

1915 November 25: Unterlehrer Franz Rißler, Sohn des Bierwirts „Zum Münstertal“, ist letzte Nacht in einem Lazarett zu Darmstadt seinen Wunden erlegen; er hatte eine Wunde am Knie.

1915 November 28: Die Beerdigung Rißlers fand heute nachmittag statt, die erste Kriegerbestattung, die Stadt widmete einen Lorbeerkranz mit schwarz-weiß-roter Schleife, die Jugendwehr und der Militärverein nahmen daran teil. Eine Corporalschaft des Heitersheimer Ersatzbataillons gab die Ehrensalve.

1915 Dezember 1: Frau Bildhauer H. Mayer Witwe wurde gestern abend benachrichtigt, daß ihr jünster Sohn Kuno Mayer,Gärtner und Totengräber, gefallen sei, er wurde im Schützengraben von einem Granatsplitter am Kopfe verwundete und starb nach einigen Stunden.

Schützengraben in den Vogesen, in der Mitte Josef Klein aus Tunsel,
Herbst 1915 (Vorlage: Brigitte Winterhalter, Tunsel).


1915 Dezember 4: Gegenwärtig sind von Staufen 373 Mann unter den Waffen. Frau Josephine Fix, die vor 30 Jahren ausgewandert ist, erinnert sich auch der alten Heimat, sie sandte aus Pennsilvanien dem Frauenverein 20 Mark für die armen Kinder . – Von den vor einigen Wochen hierher verlegten 30 kriegsgefangenen Franzosen, die am Bahnbau arbeiten sollten, sind nur noch 8 hier; die anderen wurden gestern ins Gefangenendepot zurückgebracht, da sie nicht arbeiten wollten oder konnten. An ihre Stelle kamen Russen aus Rastatt.

1915 Dezember 6: Von allen Seiten hört man von Truppenverlegungen, einer raunt's dem andern zu: Altkirch soll bis zum 15. Von den Einwohnern geräumt werden, in der Champagne gehe es nächster Tage los, Mackensen sei mit türkischen Regimentern schon dort.

1915 Dezember 8: Die 10 Russen, die bei den Bauern arbeiten, haben gestreikt. Sie verlangten einen anderen Wachmann, da der jetzige saufe. Sie gingen gestern und heute nicht an die Arbeit, heute vormittag wurden sie nun durch Gendarmen ihrenArbeitsgebern zugeführt, und drei, die sich auch jetzt weigerten zu arbeiten, wurden ins Amtsgefängnis gebracht. Sie kommen heute abend nach Heitersheim in den Militärarrest. (P.s.: Der Wachmann wurde nach einigen Tagen ersetzt.)

1915 Dezember 9: Der Bürgerausschuß hat heute einstimmig genehmigt, daß die Stadt mit einem Anteil von 1000 Mark der Einkaufsgenossenschaft Südwestdeutscher Städte in Mannheim beitritt (für Lebensmittel).

1915 Dezember 10: Heute vormittag nach dem Seefischverkauf fand im Kornhause zum erstenmal ein städtischer Verkauf von dänischen Kühlhaus-Eiern statt. Zum Verkauf kommen 2 Kisten mit 2800 Eiern à 16 Pfennig (Marktpreis gegenwärtig 20 Pfennig), mehr als 10 Stück wurden nicht an 1 Familie abgegeben. Verkauft wurden heute 1400 Eier. (P.s.: Dieser erste Eierverkauf war auch der letzte, da viele Eier verdorben waren.)

1915 Dezember 14: Am Höllenberg hörte ich heute nachmittag von Müllheim her Kanonenschüsse und das Rattern eines Maschinengewehrs, woraus ich vermutete, daß dort feindliche Flieger gesichtet worden seien. Heute abend sagte nun ein Mann der Flugwache, daß dort 10 französische Flieger erschienen und 2 davon herabgeschossen worden seien.

1915 Dezember 15: Die Stadt hat 370 Soldatenpaketchen mit Cigarren abgesandt (siehe November 22), dagegen erhielt jede auch nur einigermaßen bedürftige Soldatenfrau 10 Mark zu Weihnachten. Der Männerhilfsvein sendet jedem der 3 Krankenträger des Vereins 20 Mark.

1915 Dezember 20: Das bei der freiwilligen Kupferablieferung gesammelte Kupfer, im Gesamtgewicht von 30 Zentnern, wurde aus dem ganzen Bezirk gestern am Bahnhof hier verladen. Zufällig sah ich, daß dabei von Kirchhofen zwei schöne Pauken, wohl aus der Kirche stammend abgeliefert wurden.

1915 Dezember 25: Zweite Kriegsweihnacht! Und wie vor einem Jahre sind auch heute wieder schwere Kämpfe am Hartmannsweiler Kopf und die Geschütze dröhnen unaufhörlich Tag und Nacht.

1915 Dezember 29: Karl Müller, Sohn des Johann Müller, hat an Weihnachten das Eiserne Kreuz erhalten.

1915 Dezember 31: Heute abend ½ 8 Uhr ertönte hier ein sonderbares Getöse, dem 6 Minuten später nach ein zweites, stärkeres folgte; ich hatte das Gefühl als ob von der Straße her ein fürchterlicher Sturmwinde dem Hause einen Stoß versetze. Alle Türen und Fenster schlotterten, einzelne Türen und Fenster sprangen auf. Leute, die auf dem Weg zur Kirche waren, kehrten vor Angst wieder um und eine Frau wurde auf dem Marktplatz vor Schrecken ohnmächtig. Ich hielt die Schläge für Erdbeben; andere behaupten aber, es seien Explosionen oder Schüsse der Dicken Berta im Elsaß. Jedenfalls ein unheimlicher Jahresabschied! 10 ½ Uhr nachts: Die Flugwache erzählt: von Freiburg aus habe man durchs Telephon angefragt, was das Getöse bedeute. Auf dem Schloßberg hier sah man das Steigen einer Leuchtkugel, unmittelbar darauf einen Feuerschein und dann den Donner. Es war also eine Mine oder ein großer Schuß.

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