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Staufen im Krieg 1914 - 1919: Das Kriegstagebuch Rudolf Hugards aus dem Ersten Weltkrieg

Teil 4: 1916

1916 Januar 3: Der Schuß am Silversterabend wurde bis Pforzheim hinab und sogar in Württemberg gespürt. Die Franzosen haben auf dem Bahnhof Bollweiler [Bollwiler, Dep. Haut-Rhin] mit weittragenden Geschützen 2 Munitionswagen, die am Mittag angekommen waren, in die Luft gesprengt.

1916 Januar 6: Im vergangenen Jahr fanden hier nur 2 Trauungen statt, gegen12–16 in normalen Zeiten. Auch in der Pfarrei St. Trudpert gab's bei 5000 Seelen nur 2 Trauungen.

1916 Januar 8: Heitersheimer Compagnien kommen häufig hier durchs Städtchen und rasten auf dem Marktplatz. Während einer solchen Ruhepause trug heute ein aus Soldaten gebildeter Männerchor 4-stimmige Lieder vor. Ein eigenartiges Bild! Umso mehr, als dazwischen aus dem Elsaß herüber die Geschütze donnerten.

1916 Januar 12: Letzten Samstag und Sonntag fanden aller Orten durch vereidigte Personen eine Nachkontrolle der Brotfrüchte statt, welche die Bauern als Selbstversorger zurückbehalten durften. Hier wurde diese Kontrollaufnahme durch Mühlebesitzer C.A. Gysler und Ratsdiener Seng vorgenommen. Bei den hiesigen 67 Selbstversorgern wurde über 200 Zentner zu viel zurückbehaltene Frucht gefunden. (P.s.: Noch frecher hatten die Bauern in den Landgemeinden betrogen. Es wurde so viel gefunden, daß der Amtsbezirk Staufen aus einem „Minus-Bezirk“ mit 4000 Zentner Mangel an Frucht nun zu einem „Plus-Bezirk“ wird, der 5000 Zentner abgeben kann.) – In Dottingen wurde eine Mühle polizeilich geschlossen, weil daselbst Mehl von Bauern(Selbstversorgern) gemahlen wurde, die keinen amtlichen Mahlschein vorlegten.

1916 Januar 14: Heute nachmittag haben wir geflaggt wegen der Einnahme von Cetinje [Hauptstadt Montenegros].

1916 Januar 19: Die Petroleumnot ist behoben. Heute war der Petroleumwagen da; er wurde gar nicht beachtet; keine Spur mehr von dem früheren Ansturm. Die Petroleumkuriere haben geholfen.

1916 Januar 24: Alle Nußbäume, die 1 Meter über dem Boden einen Umfang von mehr als 1 Meter haben, müssen angemeldet werden. Wir haben 2 Bäumchen im Finsterbach (1,08 und 1,25 m) angemeldet.

1916 Januar 29: Kaisers Geburtstag. Wie an allen anderen Orten, wird auch hier eine Haussammlung für das Rote Kreuz vorgenomen. Sammler sind die beiden Ratsdiener Seng und Obergfell. Das Ergebnis beträgt 490 Mark.

1916 Januar 28: Heute nacht hat ein französischer Lenkballon in Freiburg Bomben geworfen und großen Schaden angerichtet. Hier gingen viele Leute ins Freie, um die Scheinwerfer zu sehen, die vom Rhein bis Straßburg herab den Himmel absuchten. – In der Pfarrkirche hier wird wegen Ölmangels von jetzt an das Ewige Licht nur noch unter Tags gebrannt, das Ordinariat hat auch gestattet, daß Petroleum gebrannt werde.

1916 Januar 31: Gestern, Sonntag abend, sind zwei Russen, die hier am Bahnbau beschäftigt und in der Brauerei Steinmann mit 20 anderen untergebracht waren, entflohen.

1916 Februar 1: Franz Gysler, der zur Zeit im Lazarett in Halle liegt, hat das Eiserne Kreuz erhalten. – Die Butternot wird jetzt auch hier fühlbar; wenn am Mittwoch die Butterhändlerin, Frau Pfefferle, Butter auf den Markt bringt, wird sie geradezu bestürmt, denn Bauern bringen keinen Butter mehr auf den Markt, da er überall in den Häusern aufgekauft wird. Heute waren es mindestens50 Personen, die auf die Frau warteten und einen Kampf um den Butter führten.

1916 Februar 2: Säger Lang hat heute die 2 am Sonntag entflohenen Russen aufgegriffen, der Hunger hat sie wieder heimgetrieben. – Kanonier Dietsche- Falk, Fabrikarbeiter, hat das Eiserne Kreuz erhalten.

1916 Februar 5: Aufgeregte Gerüchte durchschwirren die Luft: 5 Millionen Soldaten seien jetzt an der Westfront, es sei dort Urlaubsperre; zwischen dem 1. und 15. gehe es los! Und ganz Gescheite wissen sogar schon wo?

1916 Februar 10: Gestern abend fanden hiesige Knaben im Herrenloch, an einer Tanne hängend einen kleinen französischen Papierballon, der hier niedergegangen war. Die Kinder brachten den Ballon dem Gendarmeriewachtmeister, die Flugblätter verteilten sie aber unter sich, so daß die Gendarmen wieder zusammensuchen mußten. Die Flugblätter, betitelt „Die Flugpost“, haben die Form einer deutschen Zeitung und tragen im Kopf den Reichsadler mit schwarz-weiß-roter Schleife, der Text ist aber kein Kunstwerk! – Die Seifenpreise haben eine phantastische Höhe erreicht: ein Stück à ½ Pfund weiße Kernseife kostet jetzt 74 Pfennig gegen 15 vor dem Kriege. Parrafinkerzen kosten jetzt pro Paket 90 Pfennig gegen 30 vor dem Kriege. Lampenöl und Salatöl gibt es nicht mehr; Baumöl, das auch über 4 Mark pro Liter (95 Pfennig vor dem Krieg) gestiegen war, kostet jetzt 2,50 Mark; es ist aber, wie alle Höchstpreisartikel der Reichsstellen fast gar nicht, und auch dann nur in kleinen Quanten erhältlich.

1916 Februar 12: Der Kommunalverband hat heute beschlossen, 1 Waggon rumänische Kleie zu beziehen. Wegen des hohen Preises dieser rumänischen Ware wird der Verband 1000 Mark zuschießen, um sie zum Preise der inländischen Kleie, die einen Höchstpreis hat, abgeben zu können.

1916 Februar 15: Heute wurde Alfred Ulmann in Breisach, der Mann meiner Nichte Hedwig, eingezogen. Bis zum Krieg als Militärinvalide „dienstuntauglich“, wurde er zuerst als garnisondienstfähig und heute als Unteroffizier der Freiburger 76er Artillerie „kriegsverwendungsfähig“ genannt.

1916 Februar 18: Bis zum 1. April müssen alle „felddiensttauglichen“ Männer, ausgebildete und unausgebildete, die bis jetzt „unabkömmlich“ waren, durch garnisondiensttaugliche und Invaliden ersetzt sein, da sie nun auch eingezogen werden sollen. Demzufolge erhielt heute auch der Lehramtspraktikant Hermann an der Bürgerschule seine Einberufung und an seine Stelle tritt wieder der alte Inhaber der Stelle, Lehramtspraktikant Faller, der als Kriegsinvalide zuletzt Compagnieführer der Genesungskompagnie in Lahr war.

1916 Februar 24: Wegen des bestehenden Kartoffelmangels hat die Stadt heute die Erlaubnis erhalten, 200 Zentner Kartoffeln zu einem Preis von 1,50 Mark per Zentner über dem Höchstpreis anzukaufen und sie zu dem Höchstpreis an die Einwohner abzugeben. Der Ratsdiener Seng ist mit dem Ankauf beauftragt.

1916 Februar 26: Heute haben wir geflaggt wegen der erfolgreichen und vielversprechenden Kämpfe vor Verdun.

1916 Februar 28: Die Rekruten von 1897 haben gestern ihre Einberufung erhalten auf den 8. März (Aschermittwoch), unter ihnen auch der Oberprimaner Oskar Karcher, Sohn des hiesigen Hauptlehrers und Landwehrsturmmanns Karcher, er darf das Abiturium noch vor dem Einrücken machen. Vom Maurer und Landsturmmann Scherer wird nun der 4. Sohn eingezogen.

1916 März 2: Malermeister Rudolf Kuder vom Landsturmbataillon Offenburg, zur Zeit in Mülhausen, ist gestern abend, getroffen durch einen Granatsplitter, gefallen. Heute vormittag 11 Uhr, während der Bürgerausschußsitzung, wurde das Telegramm in den Saal gebracht und verlesen, was natürlich große Teilnahme bewirkte. Seine Sangesbrüder vom Liederkranz wollen auf ihre Kosten die Leiche hierher bringen lassen (siehe 5. März).

1916 März 3: Die Flugwache wurde gestern nacht von Mülhausen (?) benachrichtig, daß von hier aus Lichtsignale gegeben wurden und auch Fräulein Wacker hier hat diese Signale, die beim Reservoir aufleuchteten, vom Hause aus gesehen. Heute natürlich großes Suchen nach Spionen! Ob es nicht ein Licht vom Stationenberg gewesen ist? (siehe 8. März).

1916 März 5: Heute, Sonntag, fand die Beerdigung des Landsturmmanns Kuder statt, von seiner Compagnie war[en] der Hauptmann und einige Soldaten gekommen. Kuder ist als Bahnwache bei Lutterbach unweit Mülhausen gefallen; sein Tod wurde erst bemerkt, als er vom Posten abgelöst werden sollte.

1916 März 8: Die „Lichtsignale“ (siehe 3. März) haben ihre harmlose Erklärunggefunden: es war die Frau des „Berglemanns“ Obergfell, die bis 10 Uhr nachts in der Gummifabrik gearbeitet hatte und die nun mit einer Laterne durch den Wald nach Hause gieng.

1916 März 190: Beim städtischen Seefischverkauf im Kornhaus herrscht ein solcher Andrang, daß heute Karten für die Reihenfolge an die Käufer abgegeben werden, weiße für Staufener und blaue für Auswärtige, die am Schlusse an die Reihe kommen. Es wurden heute 150 Pfund grüne Heringe und 50 Pfund Kabeljau verkauft. – Als Propaganda für die zur Zeit aufliegende 4. Kriegsanleihe fand gestern Abend im Saalbau Riesterer eine Volksversammlung statt, zu der der Bürgermeister, Oberamtmann und die beiden Stadtpfarrer eingeladen hatten. Es sprachen die beiden erstgenannten und Stadtpfarrer Casper.

1916 März 15: Eine Anzahl Landsturmmänner der Jahrgänge 1871 und 1872 haben heute ihren Stellungsbefehl erhalten, daurnter Oberförster Bunzmann und Baumeister Wehrle. (Beide sind heute, 2.1.17, noch hier).

1916 März 20: Lehrer und Leutnant der Reserve Berger, zur Zeit in einem Brandenburgischen Regiment, hat das Eiserne Kreuz erhalten. Er hat den Sturm auf das Dorf Douomont bei Verdun mitgemacht; von allen Offizieren ist er noch allein beim Bataillon. – Die 46- und 47-jährigen Soldaten werden gegenwärtig „zur Disposition“ entlassen; heute ist so der Maurer Scherer heimgekommen. – Die Zeichnungen zur 4. Kriegsanleihe haben bei der Bezirkssparkasse heute eine Rekordziffer erreicht; es wurden heute 285.000 Mark gezeichnet; im Ganzen sind bis jetzt 1.224.000 Mark gezeichnet.

1916 März 22: Von heute an kostet 1 Pfund Rindfleisch 2 Mark, das Doppelte wie vor dem Krieg. Kaffee und Zucker werden rar.

1916 März 24: Bei der hiesigen Sparkasse wurden zur 4. Kriegsanleihe 1.720.000 Mark gezeichnet, gegen 1.300.000 Mark bei der dritten. Staufen hat sich also tapfer gehalten. Besonders stark haben die katholischen Geistlichen gearbeitet.

1916 März 28: Heute und morgen müssen hier alle vom Reiche für Kriegszwecke beschlagnahmten Küchengeräte aus Kupfer und Messing abgeliefert werden. Mit der Abnahme in Bezirk sind beauftragt die Blechnermeister Haas und Bueb hier und Schiess in Krozingen. Hier nimmt Blechner Haas die Geräte ab. Abgeliefert wird auf dem Grün in einer Scheuer, die vor 2 Jahren durch eine Pfründnerin ans Spital gekommen ist. – Wir geben ab, das heißt, wir müssen leider abgeben, aus dem untern Haus, meiner Wohnung: 1 Kochkessel aus Kupfer, verzinnt, 4 Messingpfannen, 2 messingene Schäpfchen, 2 messingene Schöpflöffel, 1 Warmwasserschiff von Kupfer, eingeschoben in den Herd, und 1 großen kupfernen Waschkessel; ferner aus dem oberen Haus, Alberts Wohnung: 2 Messingpfannen, 1 Warmwasserschiff wie oben und 1 großer, kupferner Waschkessel. Im Ganzen liefern wir diesmal ab 25 Kilo Kupfergeräte und 2 ½ Kilo Messinggegenstände.Diese Zwangsablieferung fällt uns wie allen Leuten schwer, da ein rechter Ersatz für diese Geräte nicht zu beschaffen ist.

1916 April 12: Der Roh-Kaffee und der Thee wird beschlagnahmt. Nur die Vorräte von geröstetem Kaffee dürfen noch verkauft werden. Auch der Zucker geht auf die Neige (er werde zur Pulverfabrikation verwendet, sagt man). Und Zuckerkarten sind in Sicht. Im Laden wird unaufhörlich nach Zucker und Kaffee gefragt; alle wollen „einhamstern“.

1916 April 15: Alfred Ulmann, der Mann meiner Nichte Hedwig, Unteroffzizer der Landwehr beim Feld-Artillerie-Regiment 76 in Freiburg, ist gestern von da mit noch 3 Mann nach Frankreich nach La Fère in die Zielmesserschule gekommen, von wo er wohl einem Meßtrupp zugeteilt werden wird. – Die Rheinbefestigungen sind nun alle von Soldaten verlassen, in Grißheim ist nur noch ein Telephonposten, wohl Flugwache.

1916 April 20: Um 10 Uhr fand heute im Saalbau Riesterer eine Versammlung der Bürgermeister, Ratschreiber, Fleischbeschauer, Metzger, Gendarmen pp., etwa140 Personen, statt wegen der Einführung der Fleischkarten am 1. Mai. Auch Seife soll von jetzt an nur noch auf Karten abgegeben werden.

1916 April 22: Frau Korbmacher Xaver Gutmann Witwe erhielt heute die Nachricht, daß ihr Sohn Franz Gutmann, Fabrikarbeiter, 22 Jahre alt, vor Verdun gefallen ist. Es stand bei einem bayerischen Infanterieregiment.

1916 April 23: Ostern. Das amerikanische Ultimatum wegen des U-Boot-Kriegs; böse Aussichten!

19156 April 28: Hauptlehrer Waldmann, der am Anfang des Kriegs verwundet wurde und seitdem zu Heitersheim als Vizefeldwebel beim Ersatzbataillon war, wird am 1. Mai aus dem Militärdienst entlassen und tritt sein hiesiges Amt an der Volksschule an. – Ebenso kehrrt Notar Huber, der seit 1914 im Heere zuerst als Offizierdiensttuer auf dem Heuberg und dann als Gerichtsoffizier in Lahr tätig war, auf 1. Mai heim, da jetzt alle felddiensttauglichen, bisher aber unabkömmlich erklärten Beamten eingezogen werden. – Heute wurde ein Münstertäler Butterhändler, der heimlich Butter aus dem Bezirk nach Müllheim bringen wollte, von der Gendarmerie ertappt und ihm der Butter abgenommen.

1916 April 30: Heute nacht wird die viel umstrittene „Sommerzeit“ zur Ersparung der Leuchtmittel eingeführt werden. Um 11 Uhr wird die Rathausuhr sofort 12 Uhr, zusammen also 23-mal schlagen.

1916 Mai 1: Die Sommerzeit hat sich glatt eingeführt, nur die neue Kirchenuhr streikt; als der Uhrmacher nachts 11 Uhr die Uhr richten wollte, zerbrach er in der Dunkelheit zwei Räder. – Sang- und klanglos wurde heute früh die Münstertäler Eisenbahn für den Personenverkehr eröffnet; um ½ 5 Uhr fuhr der erste Personenzug ins Tal. – Die Fleischkarten sind heute in Kraft getreten, in 5 Tagen in der Woche je 160 Gramm und 2 Tage Fasten!

 

Eröffnung des Bahnhofs Münstertal am 1. Mai 1916
(Vorlage: Staufener Weihnachtsblatt 1988, hrsg. von August Villinger). 

 

1916 Mai 2: Albert war gestern in Basel, um die Wertpapiere, die wir beim Kriegsausbruch dort beim Schweizerischen Bankverein hinterlegt hatten, wieder heimzuholen.

1916 Mai 4: Sattlermeister Franz Dufner erhielt heute die telegraphische Nachricht, daß sein Sohn, Lehrer und Offizieraspirant, vorgestern am 2. Mai vor Verdun in nächster Nähe der Feste Douomont gefallen sei. Karl Dufner war der Stolz der Eltern.

1916 Mai 5: Auf dem Rathause fand heute zum ersten Male ein Verkauf von 40 Pfund Münstertäler Butter – dieses raren Artikels – statt. Ein Münstertäler Butterhändler hat vom hiesigen Bezirksamt die Erlaubnis zur Ausfuhr von Butter nach Müllheim nur unter der Bedingung erhalten, daß er wöchentlich auch 40 Pfund aufs Rathaus in Staufen liefert. – Heute, Freitag, fand der letzte städtische Fischmarkt statt, denn des warmen Wetters wegen kamen die Fische schon einigemal verdorben an.

1916 Mai 6: Tiermaler Roderich Jerusalem, der unmittelbar vor dem Krieg sich an der Bötzenstraße ein Landhaus erbaut hat, wurde zum Leutnant in einer Schneeschuhabteilung ernannt.

1916 Mai 8: Adlerwirt Karl Erb junior hat das Eiserne Kreuz erhalten, der Einjährige und jetzige Fliegerleutnant Wacker ist jetzt als Kampfflieger vor Verdun.

1916 Mai 12: Einführung der Zucker- und Seifekarten, auf jedes Brotkartenheft (per Kopf und Monat) darf abgegeben werden 2 Pfund Zucker und 600 Gramm Seife.– Die französischen Civilgefangenen, die seit 1 Jahr am Bahnbau gearbeitet haben, sind heute nach Titisee zum dortigen Bahnhofumbau gebracht worden.

1916 Mai 19: Eier- und Butterkarten, pro Woche 3 Eier und 62 ½ Gramm Butter.Die Stimmung wird mutlos.

1916 Mai 25: Der Wildverkauf für den Bezirk Staufen ist dem Metzger Joseph Riesterer hier und Löwenwirt Eckerle in Krozingen übertragen worden. Hier kommen viel Rehe zum Verkauf und da das Fleisch weniger als Ochsenfleisch kostet (1 Pfund Ziemer 1,70 Mark) ist der Andrang immer sehr groß.

1916 Mai 27: Unter den verwundeten und kranken Kriegsgefangenen, die vor einigen Tagen aus Frankreich in die Schweiz gebracht wurden, befindet sich auch Hermann Rinderle von hier, der im August 1914 bei Mülhausen verwundet und mit dem Lazarett daselbst gefangen wurde. – Der Lehrer und Leutnant der Reserve Berger wurde vor einigen Tagen vor Verdun schwer verwundet. – Redakteur Acker hat das Eiserne Kreuz erhalten, ebenso Müller Alfred Hug.

1916 Juni 2: In der Zentralsammelstelle für Butter und Eier für den Bezirk Staufen, die im ehemaligen Bierkeller des „Anna-Bad“ eingerichtet ist und vom Schlachthausaufseher Wiesler geleitet wird, ist heute der erste Butter, 3 Zentner aus dem Münstertal, eingeliefert worden; er kommt weiter nach Freiburg und Lörrach.

1916 Juni 3: Wegen der siegreichen Seeschlacht am Skagerak [Skagerrak] haben wir gestern und heute geflaggt; heute ist schulfrei.

1916 Juni 9: Die Großherzogin Hilda besuchte heute nachmittag das Lazarett in Krozingen, um 6 Uhr kehrte sie über Staufen nach Badenweiler zurück. Die Straßen waren beflaggt. (P.s.: Tags darauf kam nach Krozingen die Nachricht, daß das Lazarett aufgehoben werde.)

1916 Juni 10: Die Zahl der hier in der Landwirtschaft beschäftigten Kriegsgefangenen beträgt gegenwärtig 21; 20 Russen und 1 Franzose, die, wie von Anfang an, in der „Krone“ untergebracht sind. Wachmann ist seit gestern Gärtner Kähle von hier, der zuletzt in Rastatt war und der sich schon lange darum beworben hat. – Heute nacht sind 3 dieser Russen durchgebrannt.

1916 Juni 15: Leutnant Albert Schladerer und Sparkassenbuchhalter Balzer haben das Eiserne Kreuz erhalten. – Leiter der Bezirkssammelstelle für Butter (siehe oben Juni 2) ist seit heute Hutmacher Wagner. Heute gab's einen großen Eierkuchen, da ein Gestell daselbst mit Eierkörben zusammengebrochen ist.

1916 Juni 19: Heute gab es hier zum erstenmal bei keinem Metzger Fleisch. Da morgen, Dienstag, ein fleischloser Tag ist, heißt es fasten. Zucker giebt es in den Landorten schon seit einiger Zeit nicht mehr und die hiesigen Läden werden von fremden Käufern überlaufen.

1916 Juni 22: Nach langer Zeit gab es heute, am Fronleichnamsfest, wieder einen Fliegerlärm. Um 7 Uhr abends hörte man die Abwehrkanonen von Müllheim und sah von hier aus, wie 13 Flieger dort kreisten. Man sah die Schrapnellwölkchen und wie 2 Flieger abgeschossen wurden. – Auch Karlsruhe soll heute mit Bomben belegt worden sein; es seien 50 Personen getötet! (Es waren weit über 100, meistens Kinder.)

1916 Juni 26: – Unter den in Karlsruhe durch Bomben Verwundeten befindet sich auch Professor Gutmann, Sohn des Forstmeisters hier; er hat eine Kopfwunde und liegt im Spital in Eppingen. – Bernhard Müller hat vor Verdun das Eiserne Kreuz erhalten.

1916 Juli 3: Heute werden an der Bahn die enteigneten kupfernen und messingenen Hausgeräte, Schiffe, Kessel, Mörser, Pfannen, Leuchter, Rauchfässer, Pauken pp. in 3 Eisenbahnwagen verladen, nachdem sie der Raumersparnis wegen mit schweren Hämmern zusammengeschlagen worden sind. Aus allen Orten kommen eine Menge hochbeladener Wagen, es ist ein trauriger Anblick, wieviele Werte hier vernichtet werden. Der Materialwert allein beträgt 60.000,- Mark. Im Auftrage der Regierung ist Konservator Sauer anwesend, um Wertstücke auszuscheiden.

1916 Juli 4: Das Verladen der Hausgeräte wurde heute beendet. Auch heute war der Konservator hier, etwas 3 Zentner Kupfergeräte pp. wurden auf seine Anordnung zurückbehalten und in Verwahrung genommen: Mörser, Weihwasserkessel, die Krone eines Heiligen, 1 Spülbecken, 1 Leuchter, Wassertrageimer usw.

1916 Juli 11: Die große Offensive der Engländer und Franzosen an der Somme macht sich fühlbar. Ein Sohn des Buchbinders Riede soll gefallen sein, Forstwart Seng ist verwundet. (P.s.: das Gerücht über Riede war falsch.)

1916 Juli 13: Gestern nachmittag ist in Freiburg ein Spion beim Transport entsprungen. Am Abend gelang es dem Polizeidiener Seng, denselben hier beim Friedhof zu verhaften. Der Spion, naturalisierter Schweizer, ist ein halber Staufener, denn seine Mutter ist eine Tochter des verstorbenen Uhrmachers Butz hier, er war auf dem Wege nach Müllheim, wo sein Onkel wohnt.

1916 Juli 14: Gefallen ist ferner der hiesige Bürger und Glaser Fitz Maurer bei einem Sturmangriff; er hinterläßt eine Frau und 3 kleine Kinder. Gefallen ist ferner bei demselben Regiment der Leutnant und Aktuar Otto Luhr, der vor dem Kriege hier war. Nicht genug damit; es geht noch das Gerücht von mehreren anderen Gefallenen, deren Namen genannt werden, das sich aber hoffentlich nicht bewahrheitet.

1916 Juli 10: Der als gefallen gemeldete Riede (siehe oben) lebt, er ist verwundet in einem Lazarett in Belgien; auch die anderen Totgesagten leben.

1916 Juli 20: Heute war der erste städtische Verkauf von Bodenseefischen. Es wurden verkauft lebendfrische Hechte zu 1,40 Mark pro Pfund. – In unserem Warengeschäft herrscht gegenwärtig ein außerordentlicher Andrang von Käufern, die sich alle noch mit Kleiderstoffen versehen wollen, da am 1. August die Kleiderkarte – Bezugsschein – eingeführt werden soll.

1916 Juli 22: Fliegerangriff abends 7 ½ Uhr. Zuerst hörten wir die Abwehrgeschütze von Müllheim, dann erschien ziemlich tief ein feindlicher Flieger über Staufen, gleich darauf hörten wir aber auch ein Maschinengewehr über der Stadt knattern; ein deutscher Kampfflieger umkreiste den Feind, der nach einigen Minuten wendete und ins Oberland flog. Um ½ 9 Uhr hörten wir dann, daß er in Schmiedhofen [Schmidhofen, Bad Krozingen] eine Bombe abgeworfen habe; sie fiel in die Scheuer des Bauers Winterhalter, wobei 3 Kinder, die darin waren, verwundet wurden. – Von jetzt an werden auch die ganznächtigen Lampen nicht mehr angezündet, so daß die Straßen finster bleiben.

1916 Juli 23: Bei dem gestrigen Fliegerangriff wurde in Müllheim ein Haus zerstört, in Sulzburg fiel eine Bombe nächst der Stad in den Wald und zertrümmerte eine Tanne, zu Heitersheim fielen Bomben beim Schloß und ebenso zu Schmiedhofen [Schmidhofen, Bad Krozingen] 2 Bomben.

1916 Juli 26: Küfermeister G. von hier ist als Landsturmmann seit Kriegsbeginn im Oberelsaß. Zuletzt war er Kammerunteroffizier zu Waldighofen nächst der Schweizer Grenze. Dort geriet er in den Verdacht, Unterschlagungen zu begehen und gestern nahm hier der Gendarmeriewachtmeister eine Haussuchung vor, wobei er eine ganz große Kiste voll ärarischer Kleidungsstücke, 3 Paar Stiefel, Schuhe, Hosen, Karabiner pp. zu Tage förderte! – Kanonier Franz Arnold von hier, verheiratet in der Schweiz, ist am 20. Juli im Alter von 31 Jahren gefallen. Seine Eltern leben noch hier.

1916 Juli 30: Annafest! Wieder ohne Festlichkeiten und ohne Fremde. Statt Böller in der Frühe die Schüsse der Abwehrkanone in Müllheim, wo schon wieder Bomben geworfen wurden.

1916 August 2: Der Jahrmarkt litt unter der Einführung der Kleiderkarten, die vom 1. August an Geltung haben – sollten, aber noch nicht haben. Es waren keine Verkäufer da von Manufakturwaren, Kleidern und Schuhen. Auch bei uns ist seit dem 1. August das Geschäft ganz still; ein großer Kontrast gegenüber dem Ansturm in den letzten 3 Wochen.

1916 August 4: Fabrikant Hipp hat bei der Stadt um den Verkauf der Weiermatte nachgesucht, da er dort eine neue Fabrik für Gummiregenerierung bauen will, vom Kriegsministerium sei ihm ein großer Auftrag in Aussicht gestellt. Der Gemeinderat hat sich bereit erklärt und den Preis auf 70 Pfennig per [Quadrat]Meter gestellt, unter der Bedingung, daß er die Fabrik vor dem 31.Dezember 1917 erbaut.

1916 August 10: Kaminfeger Rudolf Pfeifer, 21 Jahre alt, der bei der Lorettohöhe schwer verwundet wurde und jetzt als Invalide entlassen ist, hat nachträglich das Eiserne Kreuz erhalten.

1916 August 15: Heute tritt die gefürchtete Kleiderkarte in Kraft.

1916 August 19: Dr. Faschian, ein alter Staufener, hat gestern wieder 400 Mark aus seiner neuen Heimat Kalifornien hieher ans Bürgermeisteramt gesandt. Das Geld ist durch die Vermittlung der Banken gut angekommen, ein Brief dagegen nicht. Den haben die Engländer wohl aufgefangen. Das Geld wird an Weihnachten verteilt werden.

1916 August 27: Gestern abend kam das Telegramm der italienischen Kriegserklärung und heute früh 8 Uhr jene Rumäniens. Große Bestürzung wegen der letzteren.

1916 August 31: Morgen findet im ganzen Reiche eine Nahrungsmittelaufnahme statt; ich melde an 8 Pfund Rauchfleisch und 185 Eier. (P.s.: daraufhin wurden mir für den Winter die Eierkarten entzogen.) – Der Verkauf von Petroleum, der gestern erst wieder begonnen hat, ist ganz eingestellt worden; eine erste Folge des Kriegs mit Rumänien.

1916 September 1: Heute ist in der Ladenkasse ein Goldstück eingegangen; das erste seit einem Jahre!

Brotkarte, Spätsommer 1916 (Vorlage: Stadtarchiv Staufen, S 7).

1916 September 2: Der Schriftsetzer Heinrich Schwamm, bei einer Maschinengewehrkompagnie vor Ypern, wird seit dem 16. August vermißt. Seine Eltern wurden vom Regiment gestern benachrichtigt. Vielleicht ist er nur in englischer Gefangenschaft. (P.s.: Bis heute (12.I.17) ist noch keine Nachricht gekommen; er ist also gefallen.)

1916 September 5: Der Bürgerausschuß genehmigte heute den Verkauf der Weiermatte an den Fabrikanten Hipp (siehe oben August 4). Ferner bewilligte er einen außerordentlichen Holzhieb von 3000 Festmetern, deren Erlös, 45.000 Mark, in dem jetzt aufliegenden Kriegsanlehen angelegt werden soll. Die Sparkasse wird das Geld vorstrecken, bis der Holzhieb geschehen kann.

1916 September 10: Heute nacht, ¼ 1 Uhr, wurden wir durch viele Fliegerabwehrschüsse aus dem Schlafe geweckt. Ein feindliches Geschwader war über Staufen nach Freiburg geflogen, wo es von den Freiburger Fliegern gestellt wurde. Zu Kirchhofen wurden 2 Bomben abgeworfen, von denen eine explodiert sein soll, ohne Schaden anzurichten. – Heute abend beflaggt wegen der Eroberung von Silisteria [Silistra, Bulgarien].

1916 September 11: Die gestern auf Kirchhofen gefallenen Geschosse waren keine Bomben, sondern unexplodierte Schrapnelle der Abwehrgeschütze. Der von hier dahin zum Entladen entsandte Oberfeuerwerker konnte den Leuten den Irrtum erklären.

1916 September 16: Heute früh kam die Nachricht vom großen Sieg Mackensens in der Dobrutscha [Dobrudscha, Rumänien und Bulgarien], worauf wir sofort geflaggt haben; um 12 Uhr wurde nach langer Zeit wieder einmal mit allen Glocken geläutet. – Der Verlauf der Sommeschlacht erweckt dagegen große Sorge.

1916 September 20: In Baden war heute ein großer „Sternschnuppenfall“. Es wurden zwei neue Ehrenzeichen verliehen: das Kriegsverdienstkreuz und das Kriegshilfekreuz. In unser Haus kommen 2 Kreuze, Albert erhielt das erstere, Marie das zweite. – Kriegsverdienstkreuze erhielten außerdem: Oberamtmann Arnsperger, Stadtpfarrer Casper, Dr. Barth und Fabrikant Hipp;Kriegshilfskreuze: Frau Medizinalrat Lederle, Industrielehrerin Frl. Schmidle, Oberlehrer Schell und Apotheker Paravicini.

1916 September 23: Die Kinder des Gärtners Kähle fanden heute bei unserem Garten einen französischen, 1 Meter hohen, roten Papierballon; Flugblätter, die solchen angehängt werden, waren nicht dabei; sie sind jedenfalls beim Flug über den Reben abgestreift worden.

1916 September 26: Um 2 Uhr morgens wurde ein heftiges Dröhnen wahrgenommen, wobei die Fenster klirrten. Wohl schon wieder eine Explosion im Elsaß. (P.s.:diesmal wars ein Erdbeben.) – Hier ist eine Goldsammelstelle errichtet worden bei Uhrmacher Pfefferle.

1916 September 27: Gärtner Hans Wiesler, der an der Somme steht, wird vermißt.Seine Mutter, Frau Jean Wiesler Witwe, erhält heute einen Brief mit dem Vermerk „vermißt“ zurück. (P.s.: Bis heute, 12.1.17, ist noch kein Lebenszeichen gekommen; er ist also gefallen.) – Der Knecht Emil Häfele, der schon früher einmal totgesagt wurde, ist, wie ein Feldgeistlicher seinem Vater mitteilte, schwer verwundet.

1916 September 30: Emil Häfele ist im Lazarett gestorben. Sein Vater erhielt gestern seine Uhr und Börse zugesandt; er hatte eine Oberschenkelwunde und ist am Starrkrampf gestorben.

1916 Oktober 1: Ende der Sommerzeit, Beginn der mitteleuropäischen Zeit. Der elektrische Stromverbrauch ist hier um ein Drittel zurückgegangen; bei uns wie folgt [folgt Tabelle der Stromverbrauchspreise der Familie Hugard von Juni – September der Jahre 1914–1916]. Die bezweckte Lichtersparnis wurde also erreicht, sonst wurde aber viel geschimpft.

1916 Oktober 9: Emil Keller, ein Sohn des verstorbenen Hafners Karl Keller, ist gefallen. Er war schon viele Jahre von Staufen fort, zuletzt Druckereiverwalter in der Schweiz. – Der Landsturmmann Robert Disch ist durch einen Beinschuß schwer verwundet und liegt in einem Lazarett zu Hamburg.

1916 Oktober 11: Gestern abend ½ 8 Uhr haben Flieger wieder in Müllheim und Lörrach Bomben abgeworfen; in der Nacht vorher sind 3 feindliche Flieger über Staufen geflogen, wie schon mehrmals, wenn sie auf dem Weg nach Rottweil waren.

1916 Oktober 12: Maurer Ferdinand Helle erhielt heute morgen die Trauernachricht, daß sein Sohn Josef Helle, ein Schulkamerad Mariele's [Marie Hugard, Tochter Albert Hugards, gest. 1913], 22 Jahre alt, am 9. diesen Monats an der Somme gefallen ist. – Heute nachmittag war ein großer feindlicher Flieger-Massenangriff auf das badische Oberland. Um ¼ 4 Uhr wurden die ersten feindlichen Flieger hier sichtbar und unaufhörlich knatterten die Abwehrgeschütze rundum und die Maschinengewehre der Kampfflugzeuge in der Luft. Besonders interessant war um ½ 5 Uhr ein Kampf zwischen 3 Flugzeugen über Staufen. Bei diesen Kämpfen wurde bei Weinstetten ein feindliches Flugzeug zum Landen gezwungen. Hiesige Bürger, die dort jagten, waren zuerst an der Landungsstelle, und Bezirksarzt Dr. Barth brachte mit seinem Auto die 2 Franzosen und den deutschen Fliegeroffizier, der sie herabgeschossen hatte, nach Freiburg. – Nach ½ 10 Uhr: die Abwehrgeschütze und die Schrapnelle in der Luft donnern schon wieder. Von unserer Wendeltreppe aus können wir das Explodieren der Schrapnelle, die von allen Seiten, besonders über Freiburg auf die Flieger abgeschossen werden, deutlich sehen, es ist ein schauerlich schönes Feuerwerk.

1916 Oktober 13: Beim gestrigen Nachtüberfall, den wir von hier betrachtet haben, wurden um ½ 10 Uhr auf Freiburg Bomben abgeworfen, wobei einige Leute getötet und großer Materialschaden angerichtet wurde.

1916 Oktober 15: Heute nachmittag erhielten wir von Neuenburg mittelst eines Telegramms die traurige Nachricht, daß unser junger Vetter August Wenk gestern an der Somme gefallen ist. Er war 22 Jahre alt, Leutnant der Reserve bei der Fußartillerie und hat sich erst in diesem Frühjahr verlobt.

1916 Oktober 21: Bahnhofwirt Grottenthaler wurde heute nachmittag benachrichtigt, daß sein ältester Sohn, Friseur Fritz Grottenthaler, Jäger, 21 Jahre alt, in den Karpathen gefallen sei. – Ebenso erhielt auch der Stadtarbeiter Dietz die Nachricht, daß sein ältester Sohn, der 21-jährige Färber Josef Dietz an der Somme gefallen sei. – Der Erstgenannte, im 3.Jägerregiment des Karpathenkorps, wurde am 25. September verwundet und starb am 27. September; der zweite Infanterist fiel am 10. Oktober.

1916 Oktober 24: Die „ganznächtigen“ Straßenlampen werden heute nacht zum erstenmal wieder angedreht, nachdem auch in Freiburg wieder eine beschränkte Straßenbeleuchtung gestattet wurde.

1916 Oktober 25: – Der Fliegerleutnant Hans Wacker, Sohn des Stuhlfabrikanten Wacker hier, erhielt das Eiserne Kreuz I. Klasse, er hat den 4. feindlichen Flieger abgeschossen.

1916 Oktober 27: Eine große Anzahl Landsturmleute erhielt heute ihren Stellungsbefehl, darunter Küfer Mußler, Ziegler Zimmermann, Hilfpolizeidiener Obergfell. (Alle wurden wieder heimgeschickt.)

1916 Oktober 29: Seit 14 Tagen geht das Gerücht von Friedensverhandlungen mit Rußland, neuerdings wird unter dem Siegel allertiefsten Geheimnisses erklärt, sie seien gescheitert, da Rußland verlangt habe, es dürften nach dem Waffenstillstand keine Truppen von der Ostgrenze nach dem Westen verlegt werden.

1916 November 1: Heute hat mir ein Franzose die Haare geschnitten. Friseur Berger, der eingezogen ist, kann keinen Gehilfen erhalten und hat deshalb jetzt einen kriegsgefangenen französischen Coiffeur aus der Gegend von Marseille zum Geschäftsführer; in roter Hose und weißer Jacke ein gelungenes Bild. – Alfred Bühler, ein Sohn des verstorbenen Hafners Bühler ist gefallen; er war schon lange fort von hier.



Friseurlehrlinge vor dem Friseurgeschäft Theodor Zachmann
(Vorlage: Stadtarchiv Staufen, N 600).


1916 November 2: Städtischer Kartoffelverkauf hinter dem Rathaus, nachdem jeder aufgefordert worden war, seinen Winterbedarf einzulegen. Auf 9 Wagen wurden heute 300 Zentner angeliefert, die von 1–3 Uhr zentnerweise ab den Wagen verkauft wurden; der Stadtrechner hatte hinter dem Rathaus seinen Zahltisch aufgestellt.

1916 November 6: Im Ganzen hat die Stadt von 3 Händlern 1500 Zentner Kartoffeln gekauft; ob sie aber ganz geliefert werden, ist zweifelhaft, da auf telegraphischen Befehl aus dem Bezirk sofort 20.000 Zentner in die Großstädte geliefert werden müssen.

1916 November 10: Seit einigen Tagen ist im Rathaus im unteren Stock eine neue Kanzlei eingerichtet worden für die An- und Abmeldungen und insbesondere für die Ausgabe der Nahrungsmittelkarten: Brot-, Fleisch-, Butter-, Eier-, Zucker-, Seife-, Petroleum-, Gersten-, Gries- und Teigwarenkarten. Kanzlist ist der Ratsdiener Seng.

1916 November 14: Die Stadt erhielt heute abermals aus Eschbach 200 Zentner Kartoffeln, welche sie zu 5 Mark pro Zentner gekauft hat. Ein Teil wurde wieder zentnerweise an die Einwohner abgegeben, der andere kam in den „Rinderle-Hof“, dessen großen Kartoffelkeller die Stadt gemietet hat und wo für den Frühjahrsbedarf ein großes Quantum eingelagert werden soll.

1916 November 15: Die Fleischkarten, die pro Woche und Kopf nur 250 Gramm Fleisch gewähren, haben uns genötigt, ein Schwein zu halten. Wir haben heute ein solches gekauft im Gewicht von 242 Pfund à 1,29 Mark. Nach 6 Wochen, der Mindestfrist, dürfen wir es schlachten und das Fleisch wird uns dann auf die Karten nur zur Hälfte des Gewichts angerechnet.

1916 November 17: Heute wurden im Rinderlehof 1000 Zentner städtische Kartoffeln eingewintert, daunter 2 Waggons = 700 Zentner, die ein Eschbacher Händler statt in eine Großstadt nach Staufen zum Versand brachte. Der Ankauf wird nun eingestellt.

1916 November 20: Schlittenaushebung; es mußten am Bahnhof um 10 Uhr alle Schlitten des Bezirks aufgestellt sein, von denen 3 große Spezialwaggons voll fürs Militär gekauft wurden, von den Holzschlitten bis zu den schönsten Zweisitzern.

1916 November 25: Die Mitglieder der Handelskammer Schopfheim besichtigten in der hiesigen Gummifabrik die Granatenfabrikation, da solche Betriebe auch in ihrem Kammerbezirk eingerichtet werden sollen.

1916 November 29: Am 1. Dezember treten die Milchkarten in Kraft, die auch für uns von einschneidender Wirkung sein werden. Statt des unbeschränkten Milchbezugs sollen wir nur noch täglich ½ Liter erhalten und dabei sollen wir auch noch auf den Butter verzichten. Vom 1. Dezember ab muß von jeder Kuh täglich 2 Liter Milch oder das entsprechende Quantum Butter nach Freiburg geliefert werden, da wird auch ein Butterbezug „hintenrum“ ein Ende haben. In den letzten Tagen strömt alles ins Münstertal, um schnell noch etwas Butter einzuhamstern. (P.s.: Heute, am 14.I.17, sind die Karten noch nicht da.)

1916 Dezember 1: Volkszählung, die Zeitungen wurden benachrichtigt, daß sie keine Zählungsergebnisse veröffentlichen dürfen.

1916 Dezember 3: Der Schreiner und Kraftwagenführer Albert Gaß ist heute in Überlingen in einem militärischen Genesungsheim gestorben. Im Dienst war er vor einiger Zeit mit dem Auto verunglückt, wobei er eine Schädelverletzung erlitt, und an dieser Verwundung ist er jetzt gestorben. Gaß wird hier als drittes Kriegsopfer auf dem Friedhof beerdigt werden; der Leichentransport geschieht, da die Witwe arm ist, auf Kosten der Stadt.

1916 Dezember 4: Das Ministerium hat angeordnet, daß morgen wegen der siegreichen Schlacht vor Bukarest geflaggt und geläutet werde. Dieser Erlaß wird aber soeben überholt von der Freudenbotschaft, Bukarest sei gefallen.Möge sie bald den Frieden bringen. (Zu früh gefreut, Bukarest steht noch.)

1916 Dezember 5: Schmied Kronauer hat wegen Krankheit seine Schmiede geschlossen, jetzt ist weder in Staufen noch in Grunern, Ballrechten, Wettelbrunn und Münstertal ein Schmied. Alle sind einberufen. – Ein Ohm neuer Wein gilt hier jetzt 230 Mark, ein schlechter, saurer Wein.

1916 Dezember 6: Soeben, 9 Uhr abends, kommt die Siegesnachricht vom Fall Bukarests, und schon um ¼ 10 Uhr beginngt das Festgeläute von beiden Kirchen.Zum ersten Mal nach langer Zeit herrscht wieder Sieges- und Feststimmung.

1916 Dezember 10: Vier russische Kriegsgefangene, die bei hiesigen Bauern in Arbeit waren, wurden heute nach Rastatt zurückgebracht, da sie sich weigerten zu schaffen; vier Ersatzleute sind gestern schon angekommen.

1916 Dezember 12: Die Volkszählung am 1. Dezember ergab 1645 Einwohner; da diese Zahl um mehr als 100 unter der bisher angenommenen Einwohnerzahl zurückbleibt, wird sie auf die Ernährungskarten (Fleisch, Mehl) einen unangenehmen Einfluß haben. Die ganze Zählung wurde überhaupt gemacht, da 4 Millionen mehr Karten verlangt wurden, als Deutschland Einwohner hat. – Am Tage der Volkszählung befanden sich hier 25 Militärpersonen (Flugwache, Oberfeuerwerker, Wachmänner, Urlauber) und 19 Kriegsgefangene. – Soeben, 2 ¾ Uhr nachmittags, bringt Ratschreiber Dufner die Proklamation des Kaisers an die Armee über das Friedensangebot. Möge sie Erfolg haben! – Die Stadt Staufen sendet ihren Soldaten zu Weihnachten kleine Reklam-Heftchen, denen der Frauenverein Cigaretten beilegt. Gestern und heute habe ich wieder, wie letztes Jahr, die Adressen geschrieben, darnach sind unter den Waffen 292 Mann, ungerechnet der Gefangenen und – der in der Liste vergessenen (siehe Dezember 20).

1916 Dezember 15: Das Eiserne Kreuz haben in den letzten Tagen erhalten der Friseur und Matrose Heim, der Metzger und Schütze Karl Wagner und der verwundete Briefträger Obergfell.

1916 Dezember 20: Anstelle teurer Sendungen an die Soldaten giebt die Stadt folgende Weihnachtsgeschenke: 1) je 20 Mark an die bedürftigen hiesigen Kriegerfrauen, 2) je 20 Franken (= 22 Mark!) an die von hier stammenden Kriegsgefangenen, 3) je 100 Mark an die hiesigen 5 Kriegerwitwen (Frauen Pfefferle, Wustrow, Kuder, Maurer, Gass).

1916 Dezember 23: Bei der Stadt wurde heute angefragt, wie hoch bei eintretendem Frieden der Bedarf an Pferden sein werde? Die Zahl der Pferde betrug vor dem Kriege 53 Stück, jetzt 27, Bedarf also 20 Stück. – Seit einigen Tagen ist hier die Feierabendstunde auf 10 Uhr festgesetzt.

1916 Dezember 25: Heute, Weihnacht, nachmittags 3–5 Uhr, konzertierte auf dem Marktplatz die Heitersheimer Bataillonsmusik. In den letzten Tagen hatten je 2 Mann mit dem Bettelsack zu Weihnachtsgeschenken für ihre Compagnien gesammelt; das Konzert war der Dank für die Geschenke.

1916 Dezember 30: Man spricht von einer bevorstehenden französischen Offensive am Oberrhein, die Franzosen bauten Straßen und Bahnen, im Oberelsaß seien Einquartierungen und in Neuenburg müsse man sich bereit halten, das Städtchen zu verlassen. – Die Großherzogin Luise hat besonders fleißigen Kriegersfrauen Künstlersteindrucke verleihen, hier haben solche erhalten: Frau Landwirt Martin Nunnenmacher und Frau Bäcker Hirth. – Gärtner Karl Riesterer und Bildhauer August Röser haben das Eiserne Kreuz erhalten. – Die 18-jährigen Rekruten sind heute eingerückt; von hier sind es 6: Rimmele 1, Franz, Heim, Fark 2 und Karl Rinderle.

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